Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.

(Hans-Dieter Hüsch)

So lautet das Motto der Evangelischen Kirche im Rheinland für das 500. Reformationsjubiläum 2017. Die Vorbereitungsgruppe hat den Psalm von Hans-Dieter Hüsch, aus dem diese Worte stammen, als Thema für den Abiturgottesdienst ausgesucht. Wir haben gerade gehört wie Psalm und Poetry-Slam zusammenfinden beim Abitur an einer kirchlichen Schule im 500. Jahr der Reformation. Mein Beitrag besteht lediglich aus dem Bild vorne auf dem Gottesdienstprogramm (s.o.) und das habe ich noch nicht einmal selber gefunden, sondern aus dem Feriengruß des Evangelischen Schulreferats geklaut. Es scheint mir gut zu Euren Texten zu passen: Ihr habt das Ziel erreicht. Gleich werdet Ihr vor den Augen Eurer stolzen Familien die Abiturzeugnisse entgegennehmen. Hinter Euch liegen anstrengende Wochen. Aber jetzt ist der Gipfel erreicht. Zeit durchzuatmen, den Ausblick zu genießen und in die Ferne zu schauen. – Vergnügt, erlöst, befreit!

Die Schulzeit zu Ende, neu gewonnene Freiheit, viele Wege stehen offen, die Zukunft kann kommen. Eine Zeit ohne Klausuren, Referate, Vokabeln und Formeln. Ohne Stundenpläne und Montage mit ersten Stunden. Eine Zeit eigener Pläne, neuer Ziele und Möglichkeiten. Eine Zeit neuer Selbstständigkeit. Das eigene Leben nach eigenen Regeln. Vielleicht sogar in der eigenen Wohnung, in einer anderen Stadt, oder gar in einem anderen Land. – Vergnügt, erlöst, befreit! Ein echtes Gipfelerlebnis! Ein bisschen mischen sich in die Euphorie aber auch andere Töne und andere Gedanken. Denn, was jetzt zu Ende geht, das hat 12 Jahre – also fast immer – den Alltag bestimmt hat. Was heute endet, hat Euch über Jahre hinweg jeden Tag mit den Menschen zusammengebracht, die Ihr schätzen, mache auch lieben gelernt habt, die Freundinnen und Freunde geworden sind und teilweise Partnerinnen und Partner. Was wird aus den Freundschaften und Beziehungen, wenn Ihre ab morgen auf unterschiedlichen Wegen geht? Werden sie bestehen, wenn der gemeinsame Alltag und die gemeinsamen Themen wegfallen? Wie lassen sich meine Hoffnungen und Träume erfüllen? Kann ich den Erwartungen gerecht werden – meinen eigenen und denen, die andere an mich stellen? Was ist es eigentlich, was ich machen möchte? Da sind so viele weitere Gipfel in der Ferne? Was ist mein Ziel? Was passt zu mir? Was fühlt sich richtig an? – Vergnügt, erlöst, befreit? Die Gipfelerfahrung ist ambivalent.

Ich denke, liebe Eltern, ihnen geht es nicht viel anders. Ihre Kinder ganz oben auf dem Gipfel zu sehen, macht glücklich und stolz. Die Mühen des Aufstiegs werden nur allzu gerne zurückgelassen. Gleichzeitig heißt es jetzt aber noch mal wieder ein Stückchen weiter loslassen… Wenn wir ganz ehrlich sind, liebe Eltern, dann haben wir seit der Geburt unserer Kinder schon gewusst, dass wir ihr Leben und ihre Zukunft letztlich nicht in der Hand haben. Trotz aller Liebe und Fürsorge können nicht machen, dass unsere Kinder gesund bleiben und ihnen nichts Schlimmes zustößt im Leben. Wir können nicht machen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und die falschen Wege meiden. Wir können unseren Kindern eine Menge mitgeben auf ihrem Weg und sie begleiten. Wir können sie in guter Weise binden, aber wir müssen unsere Kinder auch loslassen. Doch das ist leichter gesagt als getan. In aller Regel halten die Eltern stärker fest als die Kinder. – Vergnügt, erlöst, befreit? Ja, Gipfelerfahrungen sind ambivalent.

Gerade deshalb ist der Psalm von Hans-Dieter Hüsch für den heutigen Tag so passend. Das fängt schon mit den ersten beiden Worten an: Ich bin (vergnügt, erlöst, befreit). „Ich bin“ das liest sich so leicht, sagt sich aber um so schwerer. Jedenfalls ist das meine Beobachtung im Unterricht in eurer Stufe, bei den Tagen religiöser Orientierung im Januar und überhaupt. Das Ich-sagen kommt ziemlich selten vor. Ihr redet lieber von „man“. Vor allem – interessanter Weise – dann, wenn es um persönliche Dinge geht: Ich frage zum Beispiel: Wenn Du Dir vorstellst, zu Hause auszuziehen und ein ganzes Stück von zu Hause weg zu wohnen, was wirst Du vermissen? Und die Antwort lautet: „Man vermisst dann seine Eltern und seine Schwestern, auch wenn die oft nerven. Man vermisst dann aber, dass immer jemand da, wenn es einem mal schlecht geht.“ Man statt Ich. Das kann man machen, aber es kostet etwas: Ich rede zwar von mir, aber es bleibt eine deutliche Distanz zwischen Gedanken und Gefühlen und meiner eigenen Person. Das Ich, meine Identität und Individualität, das, was mich als Menschen und das Menschsein ausmacht, verschwindet dabei fast völlig. Meine Aussage verliert deutlich an Intensität. Zwei Beispiele zur Verdeutlichung: Was, wenn Luther statt „Ich stehe hier und kann nicht anders!“ gesagt hätte: „Man steht hier (halt) und kann nicht anders.“ Oder Martin Luther King „One has a dream.“ statt „I have a dream!“ Die Kraft des Ich ist in diesen Beispielen deutlich zu spüren: Das Ich tritt aus der schützenden uniformen Menge des Man heraus. Es exponiert sich, ergreift die Initiative, übernimmt Verantwortung. Es macht sich dabei zwar angreifbar und verletzbar, doch nur durch sein Ich wird der Mensch mutig und stark. Das Ich gibt dem Menschen Würde und Wert.

Theologisch betrachtet rückt das Ich den Menschen in die Nähe Gottes. Denn der Name Gottes lautet schlicht: „Ich bin“. Als Mensch das Ebenbild Gottes zu sein, heißt deshalb Ich zu sein und Ich zu sagen: Ich bin und darf vor Gott sein, so wie ich bin. Mit meinen Hoffnungen und Träumen, Möglichkeiten und Grenzen, mit meinem Glauben und mit meinem Zweifel. Ich bin von Gott gemacht und gewollt, gesucht und geliebt. Von Gott angeredet, werde ich zu seinem Du und damit gleichzeitig selber ganz und gar ich. Wenn ich Gott antworte, dann werden für mich alle Menschen – und zwar ausnahmslos alle – zum Du, weil sie Mitgeliebte Gottes sind. Wer ich sagt, bringt damit die lebendige Beziehung zum Ausdruck, die zwischen Gott und Mensch besteht und die der Ursprung des jüdisch-christlichen Glaubens ist. Deshalb war es den Reformatoren so wichtig, dass diese Beziehung zwischen Gott und Mensch unabhängig von Papst und Kirche besteht und keiner menschlichen Vermittlung bedarf. Gott und Menschen gegenüber Ich zu sagen und ich zu sein macht frei von dem, was man so tut, was man so denkt oder man so glaubt. Gott und Menschen gegenüber Ich zu sagen und ich zu sein macht aber nicht nur frei, sondern legt uns gleichzeitig fest: Denn unser Ich bindet uns an Gott und unser Ich verlangt Verantwortung für unsere Mitmenschen. – Ich bin vergnügt, erlöst, befreit… ist deshalb schon allein durch das „Ich bin“ ein super Motto für das Reformationsjubiläum 2017.

Was aber ist mit dem Abitur und den ambivalenten Gipfelerfahrungen? Schaut nochmal auf Bild vorne auf das Gottesdienstprogramm. Schaut, wie der Psalm von Hans-Dieter Hüsch weitergeht:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Das heißt: Du bist nicht allein. Nicht auf dem Gipfel des Glücks und auch nicht in den Tälern der Angst. GOTT ist da, wenn Du dein Glück in die Welt hinausschreien könntest. GOTT ist da, wenn du im Meer der Traurigkeit zu ertrinken drohst. ER ist da, wenn Du weggehst und ER ist da, wenn du heimkehrst. Das zu glauben, es spüren und darauf zu vertrauen, macht uns erst wirklich vergnügt, erlöst, befreit. – Vergnügt, erlöst befreit, um nach dem bestandenen Abitur die Aussicht auf dem Gipfel zu genießen. Um versöhnt auf die Schulzeit zurück zu blicken und zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. – Vergnügt, erlöst befreit, um sich auf die manchmal verschlungenen und unsicheren Wege des Lebens einzulassen. Um Pläne zu machen und gleichzeitig offen zu bleiben für das, was kommt. – Vergnügt, erlöst befreit, um als Eltern die Kinder mit einem Gefühl des Vertrauens loszulassen, wenn es an der Zeit ist. Um in neuer und anderer Weise für sie da zu sein. – Vergnügt, erlöst befreit, um ich zu sagen. Das wünsche ich Euch am meisten: Dass Ihr heute mit dem Abiturzeugnis in der Hand nicht mehr „man“ sagen müsst, sondern aus tiefstem Herzen „ICH“ sagen könnt:

ICH freue mich.

Und:

ICH bin erleichtert.

Aber auch:

ICH bin unsicher.

Oder:

ICH habe Angst.

Und dann hoffentlich auch:

ICH bin behütet.

Und:

ICH bin geborgen.

Oder eben, mit den Worten von Hans-Dieter Hüsch:

ICH bin vergnügt, erlöst, befreit.
GOTT nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Macht’s gut!