Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes.

(Markusevangelium 1,1)

Warum steht „Anfang“ hier ohne Artikel? Die Grammatik sagt, dass das in Überschriften und Textanfängen üblich ist und an die artikellose Zeit des Griechischen erinnert. Ich frage mich, ob es nicht auch etwas anderes bedeuten kann. Denn ohne Artikel kann man auch unbestimmt übersetzen:

Ein möglicher Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes.

Markus ist jedenfalls ein Anfänger im Blick auf das Aufschreiben des Evangeliums Jesu Christi. Er ist – so weit wir wissen – der erste, der dies unternimmt. Wie sicher ist er sich im Blick auf den Anfang? Zumal sich die Evangelien ja gerade in ihren Anfängen stark unterscheiden. Matthäus beginnt das Evangelium mit dem Stammbaum Jesu und schließt gleich die Ankündigung der Geburt an. Johannes der Täufer erscheint erst in Kapitel 3. Lukas beginnt nach einer methodologischen Vorbemerkung mit der Ankündigung der Geburt des Täufers bei Zacharias der die Ankündigung der Geburt Jesu folgt. Jesu Stammbaum kommt erst nach seiner Taufe. Johannes beginnt mit einem Loblied auf den  göttlichen Logos, indem es auch um Johannes den Täufer und die Menschwerdung Jesu geht. So gesehen gibt es tatsächlich mehrere mögliche Anfänge.

Markus macht auch einen Anfang. Einen Anfang, nicht den Anfang und schon gar nicht den einen Anfang. Das ist allein schon deshalb so, weil beim Schreiben das Anfangen und der Anfang bekanntlich besonders schwer sind. Vor einem weißen Blatt den richtigen Anfang zu finden, ist eine Herausforderung. Vielleicht sogar eine Überforderung. Da ist es entlastend erst einmal einen Anfang hinzuschreiben, wohl wissend, dass es noch andere geben könnte. Dass mir vielleicht später noch ein besserer Anfang einfällt. Den richtigen Anfang kann man ja eigentlich auch erst kennen, wenn man den Schluss kennt. So gesehen, ist der Anfang, der jetzt im Markusevangelium steht, höchstwahrscheinlich gar nicht der Anfang, der am Anfang dort stand. Sondern es ist der Anfang, der am Schluss an den Anfang gesetzt wurde. Ein Anfang, der zum Schluss passt.

Das Problem ist nur, dass der Schluss des Markusevangeliums, was Umfang und Inhalt angeht, in höchstem Maße unsicher ist. Relativ sicher ist aber, dass für Markus der Höhepunkt seines Evangeliums in einem Vers der Passionserzählung liegt:

Wahrlich, diese Mensch ist Gottes Sohn gewesen. (Mk 15,39)

Wenn Markus von diesem Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz aus den Bogen zum Anfang geschlagen hat, wird nachvollziehbar, wie er zu seinem Anfang gekommen ist. Ganz nebenbei lässt sich dann auch eine textkritische Frage klären: Da in einigen griechischen Handschriften die Worte „des Sohnes Gottes“ fehlen, ist unsicher, ob sie ursprünglich zum Text gehörten oder nachträglich eingefügt wurden. Von Mk 15,39 aus gedacht, dürften die Worte „des Sohnes Gottes“ ursprünglich sein. Vielleicht nicht ganz ursprünglich. Denn wir wissen ja nicht, welchen aller ersten Anfang Markus zu Papier gebracht hat. Die Worte gehören aber in jedem Fall zu dem Anfang, den wir jetzt lesen, dem Anfang, den Markus zum Schluss an den Anfang gesetzt hat:

Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes.