Wie beim Propheten Jesaja geschrieben steht:

Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg ebnen wird.

(Markusevangelium 1,2)

Kurz vor Weihnachten schrieb Volker Lehnert auf Facebook, dass sich Mk 1 als „Prolog im Himmel“ verstehen läßt. Mk 1,2 sei als Gottes Wort an Jesus, seinen Sohn, zu verstehen, dem Gott den Täufer Johannes als Wegbereiter ankündigt. Folgt man dem, dann müsste die Erzählung von Johannes Wirken ab Mk 1,4 als Erfüllung der göttlichen Ankündigung zu verstehen sein. Für Lehnert besteht der Clou dieser Auslegung darin, dass Jesus dann – ähnlich dem Johannesevangelium – auch bei Markus als präexistent gedacht werden könne und Mk 1 „Weihnachtspredigt kompatibel“ würde. Zu einem Prolog im Himmel passt zwar die Einleitungsformel (Wie beim Propheten Jesaja geschrieben steht) nicht so recht, das darauf folgende Zitat dafür umso besser.  Anders als von Markus behauptet, steht es überhaupt nicht bei Jesaja, sondern – wenigstens so ähnlich – in Mal 3,1 und in Ex 23,20. Beim Propheten Maleachi kündigt Gott einen Boten an, der ihm – also Gott selber – vorangehen und den Weg ebnen soll. Aus dem Kontext wird deutlich, dass der Prophet Elia dieser verheißene Bote ist, der dem Kommen Gottes (zum Gericht am Jüngsten Tag) den Weg bereitet. Sollte Markus nun in Johannes dem Täufer den Boten sehen, der an Stelle des Propheten Elia Gott den Weg ebnet, wenn dieser in Jesus Christus in die Welt kommt, so liegt das durchaus im Gefälle der Auslegung von Volker Lehnert.

Ich persönlich finde allerdings Ex 23,20 als Zitatvorlage für Mk 1,2 spannender:

Und siehe, ich sende meinen (Engel-)Boten vor dir her,
damit er dich behüte auf dem Weg, sodass er dich in das Land bringe, das ich dir bestimmt habe.

(Ex 23,20 LXX)

Die Worte finden sich unmittelbar vor dem Bundeschluss am Sinai (Ex 24), der Zentralstelle des Pentateuch, an der die Erschaffung der Welt und der Menschen im Bund mit Gott erst wirklich zum Abschluss kommt. Der Mensch ist auf Gott hin geschaffen und dazu bestimmt sein Ebenbild zu sein (vgl. Gen 1,26). Dass es bis zur Erfüllung dieser Bestimmung ein weiter, steiniger Weg sein wird, ist von Anfang an offensichtlich. Zu groß ist die Last der Freiheit, zu klein das Vertrauen in die Güte Gottes, zu groß der Wunsch des eigenen Glückes Schmied zu sein. Seither ist der Mensch unterwegs – homo viator – manchmal hin zu Gott, dann wieder von ihm fort, oft einfach verwirrt und verirrt ohne den Hauch einer Ahnung, wohin es gehen soll. Kein Wunder eigentlich, wenn Gott das Ziel bestimmt hat und – davon muss man wohl ausgehen – der Mensch es nicht kennt. Der muss sich auf den Weg machen und darauf vertrauen, dass Gottes (Engel-)Bote ihn auf seinem Weg behütet und sicher ans Ziel bringt.

Geleitet von Gottes (Engel-)Boten auf dem Weg zu sein, das ist wohl das Schicksal des Menschen in der Welt. So – und ich würde sagen nur so – kommt er seiner Bestimmung, Ebenbild Gottes zu sein, näher. Damit kommen wir dann auch an den Anfang des Markusevangeliums zurück. Denn da macht sich einer auf eben diesen Weg, mit einem Boten, der ihm den Weg ebenen soll. Einer, der den ganzen weiten, steinigen Weg des Menschseins vor sich hat. Einer, von dem das Neue Testament sagt, dass er nicht nur der Weg ist, sondern auch das Ziel, wenn es darum geht Ebenbild Gottes zu sein: Jesus Christus.

Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

(Kol 1,15)

Von ihm handelt – nein, er ist – das Evangelium Gottes. Wenn das nicht „Weihnachtspredigt kompatibel“ ist, was dann?