Und es kamen zu Johannes hinaus das ganze jüdische Land und alle Jerusalemer,
und sie wurden von ihm im Fluss Jordan getauft und bekannten ihre Sünden.

(Markusevangelium 1,5)

Johannes der Täufer hat offenbar immensen Zulauf. Das ganze jüdische Land und alle Jerusalemer kamen zu ihm in die Wüste, um sich taufen zu lassen. Selbst wenn man den Wirkungsradius eingrenzt, weil Markus mit dem jüdischen Land wohl nur die Provinz Judäa meint, ist die Wirksamkeit des Täufers dennoch beeindruckend. Selbst wenn man nimmt, dass Markus vielleicht ein wenig übertrieben hat, um die Bedeutung des Johannes in Szene zu setzen. Doch auch Flavius Josephus, ein jüdischer Historiker berichtet in seinen Antiquitates Judaicae davon, dass eine gewaltige Menschenmenge zu Johannes strömte (vgl. Ant 18,118). Worin bestand seine Anziehungskraft?

Flavius Josephus spricht von der Anziehungskraft seiner Worte. Doch gerade die werden von Markus nicht überliefert. Er sagt nur, dass Johannes die Umkehrtaufe zur Vergebung der Sünden verkündete (vgl. Mk 1,4). Was Johannes im Wortlaut gesagt hat, war Markus möglicher Weise gar nicht bekannt. Matthäus und Lukas dagegen überliefern die Predigt des Täufers in beinahe wörtlicher Übereinstimmung, weswegen davon auszugehen ist, dass sie sich dabei der Logienquelle bedienten. Demnach sagte Johannes:

Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Umkehr; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.
(Lk 3,7–9; vgl. Mt 3,7–10)

Es handelt sich um eine Gerichtspredigt, die angesichts der weit verbreiteten Endzeitstimmung von besonderer Dinglichkeit war: Es stand viel, ja, es stand alles auf dem Spiel! Und das wirkt offenbar. Die Menschen strömen in die Wüste, um ihre Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen. Diese Auslegung dürfte all denen gefallen, die seit jeher fordern, dass in den Kirchen wieder mehr das Jüngste Gericht und der Zorn Gottes gepredigt werden müsse. Es sei die Aufgabe und die Verantwortung der Prediger, den Menschen die Konsequenzen vor Augen zu führen, die es habe, wenn sie die Gelegenheit zur Umkehr verpassten. Den Menschen müsse klar gemacht werden, dass ihr Seelenheil auf dem Spiel stehe und die ewige Verdammnis drohe. Wenn das in den Kirchen endlich wieder geschähe, dann würden sie sich auch wieder füllen. Johannes habe es vorgemacht. – Das ganze hat allerdings einen Haken. Oder besser zwei.

Erstens, sammeln sich in den Gemeinden derer, die das fordern und selber auch praktizieren, diejenigen im Gottesdienst, die bereits umgekehrt sind, ihr Leben Jesus Christus übergeben haben und sich auf dem Pfad der Erlösung befinden. Wenn dort beständig Zorn und Gericht gepredigt werden, dann dient das der Grenzziehung zwischen dem guten Inneren der Gemeinde und dem schlechten Äußeren der Welt um sie herum. Die dazu gehören, können dann erleichtert aufatmen, dass sie nicht mehr zur Außenwelt gehören und alles richtig gemacht haben, und sie werden gleichzeitig gewarnt, den inneren Schutzraum ja nicht länger als unbedingt nötig zu verlassen.

Zweitens, kann man skeptisch sein, ob die bei Lukas und Matthäus überlieferte Gerichtsandrohung der wirksamste Teil der Täuferpredigt gewesen ist. Flavius Josephus gibt den Inhalt der Predigt von Johannes nämlich etwas anders wieder:

Johannes hielt die Juden an, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen. Dann werde, verkündigte er, die Taufe Gott angenehm sein, weil sie dieselbe nur zur Heiligung des Leibes, nicht aber zur Sühne für ihre Sünden anwendeten; die Seele nämlich werde ja schließlich durch die Gerechtigkeit gereinigt. Infolge der wunderbaren Anziehungskraft solcher Reden strömte eine gewaltige Menschenmenge zu Johannes.
(Ant 18,118)

Das wiederum liegt eher im Gefälle der gestrigen Auslegung von Mk 1,4 und passt dazu, dass Markus auf den Gerichtskontext im Zusammenhang mit dem Auftreten Johannes des Täufers verzichtet. Davon unbenommen ist, dass den Menschen die Notwendigkeit der Umkehr offenbar deutlich vor Augen stand. Dass da jemand anbietet, sich dieser Notwendigkeit hier und jetzt zu stellen, die Bereitschaft zur Umkehr öffentlich zu bekennen und sich mit Taufe als Zeichen für die Vergebung Gottes auf den Weg der Veränderung zu machen, das scheint die Menschen angezogen zu haben. Mk 1,5 fordert für mich daher nicht dazu auf, wieder mehr über Gottes Zorn und das Jüngste Gericht zu predigen. Ganz im Gegenteil: Mk 1,5 fordert mich dazu auf, Gottes Barmherzigkeit und Vergebung noch eindringlicher zu predigen, um Menschen so zur Umkehr einzuladen. Gleichzeitig sollten wir denen, die für sich persönlich die Notwendigkeit zur Umkehr sehen, eine Gelegenheit bieten, sich dieser Notwendigkeit ganz konkret zu stellen. Wir sollten in der evangelischen Kirche über Möglichkeiten und Formen der (Einzel-)Beichte sprechen, ruhig auch in der Predigt.