Zwei Brüder spielen an einem See. Dort gibt es einen abgegrenzten Bereich, in dem Kinder gefahrlos im Wasser toben können. So tuckern die beiden mit ihren Luftmatratzen im seichten Wasser. Ihr Vater kommt dazu: „Kommt, wir fahren zur kleinen Insel!“ Der Jüngere ist sofort Feuer und Flamme. Wie ein kleiner Kolumbus klettert er auf seine Luftmatratze und will in See stechen. Sein großer Bruder schaut ängstlich: „Nein, ich bleibe lieber im Kinderbereich!“[1]

Eine Kinderszene – und gleichzeitig doch auch zwei Lebenseinstellungen. Beide, die übervorsichtige und die unerschrockene, kommen mal mehr, mal weniger im Leben zum Zuge. Die Kinder könnten auch meine Kinder sein, dann wäre das ältere ein Junge, das jüngere ein Mädchen. Vorsicht und Angst sind genauso verteilt. Beide haben von klein auf gehört: „Sei vorsichtig!“ – Klar, ein Kind kann Situationen nicht so überschauen wie ein Erwachsener, muss seine Grenzen und Möglichkeiten erst kennenlernen. Da ist Vorsicht richtig und wichtig. Bei der Jüngeren sind wir dann als Eltern mutiger geworden und haben nicht mehr ganz so viel zur Vorsicht gemahnt. Ob sie deshalb mutiger ist?

Wie dem auch sei. „Vorsicht ist ein Thema lebenslang: Krankenversicherung, Lebensversicherung, Altersvorsorge, die sichere Geldanlage – wir versuchen uns vor Risiken zu schützen. Bis hin zu Geburt und Tod: Mit Pränataluntersuchungen können werdende Eltern auf Nummer sicher gehen. Testamente, Patientenverfügungen: Auch Sterben und Tod wollen wir so weit wie möglich regeln. Richtig und wichtig, verständlich und vernünftig, denn natürlich macht die Vorstellung Angst, ausgeliefert zu sein. Doch trotz aller Vorsicht bleiben Fragen offen: Wie weit kann ich mich gegen Unwägbares absichern? Wann muss ich mich dem Risiko des Lebens stellen? […] [Mit der Vorsicht ist das so eine Sache:] Man kann aus lauter Vorsicht den Lebenskreis klein und begrenzt halten. Aus Furcht vor gebrochenem Herzen wagt man die Liebe nicht. Aus Furcht vor Scheitern traut man sich nicht, einen Traum zu leben. Wo nur Vorsicht regiert, fehlt das Vertrauen, sich auch einmal hinauszuwagen, um die Erfahrung zu machen: Das Leben trägt.“[2]

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! , und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

(Mt 14,22–33)

Die Erzählung vom sinkenden Petrus handelt vom einer solchen Erfahrung: Die Jünger sind allein auf dem See. Eben noch haben sie erlebt, wie Jesus fünftausend Menschen gespeist hat. Jetzt hat Jesus das Volk nach Hause geschickt und seine Jünger im Boot über den See. Für die Jünger ist das nichts Besonderes. Schließlich sind viele von ihnen Fischer von Beruf. Sie sind am See und im Boot groß geworden. Wind und Wellen sind ihre täglichen Gefährten. Doch in dieser Nacht ist es keine einfache Überfahrt. Die Wellen schlagen hoch und der Wind steht ihnen entgegen. Ihre Erfahrung sagt ihnen, dass das nicht ungefährlich ist. Bei Sturm fährt man nicht über den See, schon gar nicht mitten in der Nacht. Wind und Wasser sind unberechenbar…

Unberechenbar wie der Ozean des Leben, auf dem wir alle unterwegs sind, und mit dem wir unsere Erfahrungen gemacht haben. Wir haben unser eigenes Lebensschiff gebaut und so gut es geht ausgestattet und abgesichert. Es trägt uns relativ sicher über die Wellen und bietet Schutz in vielen größeren und kleineren Stürmen. Und trotzdem wissen wir, dass Wind und Wasser nicht berechenbar sind. Alle Erfahrungen, alle möglichen Hilfsmittel, Versicherungen und Vorkehrungen können es nicht verhindern, dass unser Schiff in Gefahr gerät. Dass es uns vorkommt wie eine wackelige Nussschale, in der ich das Steuer zwar in der Hand halte, den Kurs aber nicht mehr im Griff habe. In dem es plötzlich drunter und drüber geht und streckenweise kein rettendes Ufer in Sicht ist. Dann auf dem Wasser zu sein ist ein Risiko…

Das Leben ist voll dieser Risiken. – In diesem Sommer sind wir ja schon froh, wenn auch nur eine Woche vergeht, ohne dass wir neue Meldungen von Amok, Terror oder Gewalt hören müssen. Ohne Vorwarnung sind jetzt auch bei uns in Deutschland Menschen Opfer von Anschlägen und Gewalttaten geworden.

Das Leben ist voll dieser Risiken. – Das gilt aber auch noch viel grundsätzlicher. Meiner Frau und mir ist das besonders deutlich geworden, als unser erstes Kind geboren wurde. Niemals zuvor haben wir so tiefe Freude erlebt, niemals zuvor hatten wir so große Angst. Als Eltern wurde uns unmittelbar klar, dass wir das Leben und die Zukunft unserer Kinder nicht in der Hand haben. Denn bei aller Liebe und Fürsorge, stoßen wir als Menschen immer auch an unsere Grenzen. Wir können nicht machen, dass unsere Kinder gesund bleiben und ihnen nichts Schlimmes zustößt im Leben. Wir können nicht machen, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen und die falschen Wege meiden. – Das Leben unserer Kinder haben wir nicht in der Hand, genauso wenig wie das eigene Leben.

Der Ozean des Lebens ist unberechenbar. Wer ganz vorsichtig ist, der wird vielleicht entscheiden, mit dem eigenen Lebensschiff gar nicht erst in See zu stechen, sondern vorne im flachen Wasser zu bleiben. Von den Inseln mitten im Meer und all den anderen Ufern, wird man dann allerdings ein Leben lang nur träumen… Es sei denn man wagt es und bricht auf.

Wie es die Jünger in jener Nacht getan haben. Sie nehmen Wind und Wellen in Kauf, um ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen … und haben dabei – ganz menschlich – einfach auch Angst. Vielleicht wären sie umgekehrt, hätten aufgegeben, die Ruder eingeholt und sich vom Wind zurücktreiben lassen, wenn Jesus nicht mitten in der Nacht über das Wasser zu ihnen gekommen wäre und mit ihnen gesprochen hätte. Der alles entscheidende Satz steht in der Mitte der Geschichte. Jesus sagt zu seinen Jüngern:

„Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“ (Mt 14,27).

Auf diese Worte hin tut Petrus etwas ganz Verrücktes. Es hätte ja gereicht, wenn sie weitergerudert wären, gegen den Wind und gegen die Wellen. Aber Petrus will es jetzt wirklich wissen und riskiert das Unmögliche: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Jesus ruft: Komm her! (Mt 14.28f). „Petrus steigt aus dem Boot, das eben noch sein letzter Halt gewesen ist. Und tatsächlich: Das Wasser trägt. Petrus geht auf dem See. – Das geht, aber nicht lange.“[3] Als ihm klar wird, wo er sich befindet, was er da gerade tut und was alles passieren kann, da beginnt sein Vertrauen zu sinken und er – Petrus – sinkt gleich mit.

Hier wird deutlich, welch eigenartige Bewandtnis es mit dem Vertrauen hat: Vertrauen ist bedingungslos. Es beruht zwar auf Gegenseitigkeit, aber nur so, dass der Vertrauende stets in Vorlage treten muss. Es lässt sich nicht aus einer sicheren Position heraus bekommen. Wer erst alle Risiken ausloten, alle Gefahren bewerten, alle Unwägbarkeiten ausschließen muss, wird dabei kein Vertrauen finden. Vertrauen gibt es nicht ohne Risiko! Petrus musste den Schritt über die Bootswand wagen, den Fuß auf die Wasseroberfläche stellen, um zu merken, dass das Wasser ihn trägt. Das einzige, woran er sich dabei festhalten kann, sind Jesu Worte: Komm her! Hab Vertrauen, ich bin’s; fürchte dich nicht!

Vertrauen ist immer ein Risiko, im Großen wie im Kleinen. Es gibt kein Leben ohne Vertrauen, deshalb ist das Leben auch nie ohne Risiko. Doch wer es eingeht, das Risiko des Lebens und das Risiko des Vertrauens – das die Bibel übrigens Glauben nennt – der erlebt, dass ein Leben im Vertrauen – im Glauben – trägt, weil er oder sie nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand.

Wie das aussehen kann, ein Leben voller Vertrauen, das die unvermeidlichen Risiken nicht scheut, beschreibt ein Gedicht:

Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen,
würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde alberner sein, würde ganz locker werden.
nur noch ganz wenige Dinge ernstnehmen.
Ich würde entschieden verrückter sein und weniger reinlich.

Ich würde mehr Gelegenheiten beim Schopfe ergreifen
und öfters auf Reisen gehn.
Ich würde mehr Berge ersteigen, mehr Flüsse durchschwimmen
und mehr Sonnenaufgange auf mich wirken lassen.

Ich würde mehr Schuhsohlen durchlaufen,
mehr Eis und weniger Bohnen essen.
Ich würde mehr echte Probleme
und weniger eingebildete Nöte haben.

Wie sie bemerkt haben werden, bin ich eine von denen,
die vorsorglich, vernünftig und gesund leben.
Stunde für Stunde, Tag für Tag.
Nun, ich habe meine verrückten Augenblicke,
aber wenn ich noch einmal von vorn anfangen könnte,
würde ich mehr verrückte Augenblicke haben.
Genau gesagt: Augenblicke, einen nach dem andern
und nichts mehr von Plänen zehn Jahre voraus.

Wissen sie, ich bin eine von denen, die für alle Fälle
Thermometer, Wärmeflasche, Gurgelwasser,
Regenmantel und Fallschirm bei sich haben.
Hätte ich ein zweites Leben, ich würde sie zu Hause lassen.
Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen,
ich würde in aller Herrgottsfrühe barfuß in den Frühlingsmorgen laufen
und als letzte sagen: Jetzt ist der Herbst dahin.
Ich würde mehr Hockey spielen und vom Karussell
würden sie mich nicht mehr herunterbringen.

(Gertrude Wilkinson 1986)

Gedanken von Gertrude Wilkinson im Alter von 83 Jahren im Rückblick auf ihr Leben. – Gut, dass wir nicht warten müssen, bis wir 83 sind, oder, wenn wir 83 sind, ein zweites Leben brauchen, um das auszuprobieren! Wir können gleich beginnen, weil Jesus auch über das Wasser zu uns kommt, während wir in unserem Lebensboot unterwegs sind. Auch uns ruft er zu: Kommt her! Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! – Lasst uns gehen!

 


[1] Vorländer, Martin: Gottesdienstentwurf zum Fastenmotto 2013. In: 2013. Arbeitshilfe zum Thema „Riskier was, Mensch!“ mit offiziellen Bildmotiven auf einer CD-ROM, hg.v. Hansischen Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt a.M. 2012, 5–7.

[2] Ebd.

[3] Ebd.