“Und wie machst Du das mit dem Smartphone?”

Interessant, was die Vorbereitung auf den Jakobsweg und das Gespräch über meine Pläne allein schon in Gang setzt. Die intensivsten Gespräche drehten sich um die Nutzung des Smartphones auf dem Weg, das Lesen oder eben Nichtlesen von Mitteilungen, E–Mails, Newsfeeds, usw. Ich musste zugeben, darüber noch nicht wirklich nachgedacht zu haben. Letztlich ist das aber doch eine sehr grundsätzliche Frage. Mache ich es wie sonst im Urlaub – was heißt, dass ich immer und ständig aufs Smartphone schaue und alle Nachrichten lese und umgehend beantworte, egal ob privat oder dienstlich – oder gilt für den Jakobsweg etwas anderes? Wenn aber etwas anderes gilt, warum mach ich das nicht auch schon während unseres Familienurlaubs so? Oder gar grundsätzlich in der Freizeit?

Gestern habe ich dann tatsächlich auf allen meinen Geräten beinahe alle Mitteilungen deaktiviert. Auch die App–Symbole zeigen jetzt nicht mehr mit Hilfe der kleinen roten Bläschen neue Nachrichten an. Ausgenommen habe ich davon nur den Messenger, Whatsapp und den Facebook–Messenger, weil ich diese Nachrichten tatsächlich gerne zeitnahe haben möchte, ebenso wie Telefonanrufe. Sie landen auch auf meiner Uhr, werden allerdings durch die „nicht stören Funktion“ zeitweise, vornehmlich nachts, auch stummgeschaltet. Auf dem Macbook gibt es jetzt außer bei Skype gar keine Mitteilungen mehr, auf dem iPad auch nicht. Mir ist noch nicht ganz klar, wann ich jetzt Mails abrufe und bearbeite. Das muss sich noch finden. Tatsache ist, dass die Ablenkung am Macbook jetzt so ziemlich auf Null gesunken ist. Eine sehr gute Erfahrung. Für den Familienurlaub und die Freizeit ist eigentlich nur noch zu klären, ob ich überhaupt Mails abrufe und bearbeite oder das generell unterlasse. Für den Jakobsweg gilt das gleiche. Dort wäre es auch möglich, die „nicht stören Funktion“ dauerhaft zu aktivieren. Das muss ich mir noch überlegen.

Jedenfalls ist noch weit vor dem Weg einiges in Bewegung geraten.

„Ich packe meinen Rucksack…“

Langsam wird es ernst. Heute habe ich die letzten Besorgungen gemacht und meinen Rucksack gepackt. Ich habe versucht mich möglichst zu beschränken und bin mit dem Gesamtgewicht des Rucksacks von 7,9 kg unterhalb der empfohlenen 10% des eigenen Körpergewichts geblieben. Dass ich dafür im Urlaub auf Borkum extra zwei Kilo zugenommen habe, braucht ja niemand zu wissen.

Die Packliste sieht folgendermaßen aus:

  • Schlafsack
  • Kissen
  • Trecking-Sandalen
  • 1 Paar Socken
  • 1x Unterwäsche
  • 1 Langarmshirt
  • 1 T-Shirt
  • 1 lange Sporthose
  • 1 kurze Sporthose
  • Regenjacke
  • 1 Microfaser-Handtuch
  • Zahnbürste und Zahncreme
  • Duschgel
  • Rasierklinge und Rasiergel
  • Deo-Spray
  • 2x Taschentücher
  • 1x Leukotape
  • 6x Wundpflaster
  • 1x Compeed-Blasenpflaster
  • Hirschtalg-Fußcreme
  • Panthenol-Salbe
  • Nagelschere
  • Medikamente
  • Ibuflam-Schmerzgel
  • Einkaufsbeutel
  • Wasserdichter Bauchgürtel für Geld und Kreditkarte
  • Sonnenbrille
  • Sonnenhut
  • Sonnencreme
  • 1x Ohropax
  • Wäscheleine
  • 4 Sicherheitsnaden
  • Trinkflasche
  • 4x Nussriegel als Notproviant
  • All-in-one-Besteck
  • Taschenmesser
  • Powerbank
  • Ladegerät
  • Handy
  • Kopfhörer
  • Notizbuch und Stift
  • Te Deum (Buch mit den Texten für das Stundengebet)
  • Pilgerführer
  • Pilgerausweis
  • Jakobsmuschel

Dazu kommen die Trekking-Stöcke und die Kleidung, die ich anhaben werde. Recht übersichtlich, wie ich finde.

Porto am Anreisetag

Alles hat ausgezeichnet funktioniert. Der Flug ging – trotz der Streiks bei Ryanair und dem Waldbrand in der Nähe des Flughafens Weeze – pünktlich und ohne Komplikationen.

Nachdem das Gepäckband meinen Rucksack unversehrt ausgespuckt hatte und ich aus dem Flughafen heraus war, bin ich irgendwie automatisch in den Touri-Modus geraten: Mit dem Taxi zur Unterkunft im Oporto Cosy, statt Pilgermenü ein Big-Mäc-Menü bei McDonalds und zum Schluss ein Bier im Hard-Rock-Café.

Immerhin habe ich auf meinem abendlichen Stadtrundgang die Igreja dos Clérigos besucht. Ich bin mal gespannt, ob ich mich in den kommenden Tage dazu werde überwinden können, die Tagzeitengebete – wie geplant – in Kirchen auf dem Weg (laut) zu singen bzw. zu sprechen. Das hätte was. Heute Abend hatte ich das Te Deum (Stundenbuch) wohl nicht ganz zufällig nicht dabei, so dass das Hotelzimmer der Ort der Wahl war.

So wie ich am Flughafen gleich drei junge Leute anhand ihrer Rucksäcke als Pilger identifiziert habe, war der Rezeptionistin bei meiner Ankunft auch gleich klar, dass ich den Jakobsweg gehe. Sie ahnte auch schon, dass die Frühstückszeit des Hotels mit 8:45 Uhr nicht in den Pilger-Tagesplan passt. Dafür hat sie mich darauf hingewiesen, dass es in den nächsten Tagen sehr heiß werden soll. Heute war es mit 21 Grad und leichtem Wind – speziell im Vergleich zu Duisburg – hingegen sehr angenehm.

Es ist jetzt halb zwölf. Ich habe geduscht und werde nach dem Blog-Post noch die Komplet (Nachtgebet) beten und dann schlafen. Morgen geht es dann los!

Von Porto nach Lavra (26 km)

Die Nacht war dann doch nicht so entspannt wie erhofft. Zwar war das Bett durchaus bequem, aber über meinem Zimmer waren die ganze Nacht Möven zugange, die mit ihren Krallen über das – offensichtlich sehr dünne und vollkommen ungedämmte – Dach kratzten und immer wieder laut schrien.

Dabei brauchte ich gar nicht so ganz früh aufstehen, weil die Kathedrale von Porto erst um 9:00 Uhr öffnet. Um viertel vor acht habe ich meinen Rucksack gepackt und bin losgegangen. In Porto gibt es an jeder Ecke so eine Art Kiosk mit integriertem Tante-Emma-Laden, der beinahe rund um die Uhr geöffnet hat und neben Wasser auch gleich ein komplettes Frühstück anbietet.

An der Kathedrale warteten schon ein paar Pilger, von denen mehrere Deutsch sprachen. Außer einem kurzen Gruß kam es aber kaum zu Gesprächen. Das sollte den ganzen Tag über so bleiben und sich erst beim Abendessen ändern.

Um Punkt neun öffnete die Kathedrale ihre Pforten und ich bekam den ersten Stempel in meinen Pilgerausweis. Ich habe dann noch die Gelegenheit genutzt, in der Kathedrale die Laudes (Morgengebet) zu beten. Das war ein guter Start.

Um halb zehn bin ich losgelaufen, runter zum Fluss und dann immer am Ufer entlang. Gegen elf habe ich den Atlantik erreicht. Ein imposanter Anblick mit meterhohen Wellen, die an das Ufer schlagen. Jetzt geht es – mit wenigen Ausnahmen – immer am Strand entlang.

Zur Mittagszeit habe ich an der Promenade Pause gemacht, Crêpes gegessen und meinen Wasservorrat aufgefüllt. Dort habe ich auch das Mittagsgebet mit den beiden Schriftlesungen gehalten. Hängengeblieben bin ich an einem Vers aus dem Buch des Propheten Jeremia:

So spricht der HERR: Wenn du umkehrst, lasse ich dich umkehren, dann darfst du wieder vor mir stehen.  (Jeremia 15,19)

Umkehr – oder mit einem alten Wort: Buße – war ein großes Thema der frühen Jakobspilger. Umkehren, zurückfinden, etwas neu oder anders machen – darüber habe ich theologisch schon häufiger nachgedacht (z.B. hier). Interessant, dass es in der Lesung am ersten Tag meines Weges genau darum geht. Ich bin gespannt, in welcher Hinsicht ich unterwegs umkehren werde. Den Vers aus Jeremia 15 lese ich jedenfalls als eine Einladung dazu.

Hinter dem Leuchtturm von Matosinhos beginnen die Holzstege am Strand entlang. Ein toller Weg mit einem atemberaubenden Blick auf die Brandung des Atlantiks.

Meinem rechten Fuß ist das Laufen auf den Holzstegen allerdings gar nicht gut bekommen. Erst habe ich gedacht, die Schmerzen kämen von einer Druckstelle, aber das war es nicht. Da ich für diese Nacht im Voraus eine Unterkunft reserviert hatte, war ich gezwungen bis Lavra weiter zu laufen. Mit dem entspannten Laufen war es vorbei und ich habe zunehmend weniger von der beeindruckenden Umgebung wahrgenommen. Ich habe eindrucksvoll erlebt, wie der Schmerz die Aufmerksamkeit in Geiselhaft nimmt und ich das mit mir machen lasse. Es hat sich gezeigt, dass der Schmerz nur dann weniger wurde, wenn ich langsamer ging. Doch gerade das fällt mir unheimlich schwer. Auf der getrackten Strecke in der Runtastic-App ist das deutlich zu erkennen. Ich bin nur selten und nur kurz deutlich langsamer gelaufen (grüne Streckenabschnitte). Wäre ich Hape Kerkeling, würde ich jetzt schreiben:

Erkenntnis des Tages: Wenn du es eilig hast (und du ankommen willst), gehe langsam.

Die letzten Kilometer waren echt hart. Wahrscheinlich war es für den ersten Tag auch einfach zu viel. Auf das Reservieren von Unterkünften zu verzichten, kann den Weg auch einfacher machen. Ab morgen nur noch spontan!

Ich war jedenfalls heilfroh, als ich den Campingplatz bei Lavra erreicht hatte. Noch nie habe ich eine Dusche und ein Bett so genossen. Dazu kommt, dass ich einfach traumhaft wohne. Von der Terasse meines Mini-Mobilheims kann ich den Atlantik sehen und die Brandung hören.

Nach dem Waschen meiner Klamotten bin ich dann losgegangen, um das erste Pilgermenü meines Lebens zu essen. Es gab Suppe und Brot, ein Hauptgericht mit Fisch oder Fleisch, eine Karaffe Rot- oder Weißwein und ein Dessert. Das Ganze kostet gerade mal 7,50 Euro, wenn man seinen Pilgerausweis vorzeigt. Beim Essen gab es dann auch Gelegenheit mit Mitpilgern ins Gespräch zu kommen. Es scheinen überwiegend deutsche Pilger unterwegs zu sein und überproportional viele Lehrer*innen, was aber auch an den Sommerferien liegen kann.

Inzwischen ist es kurz nach elf. Wenn der Blogpost fertig ist, werde ich noch die Komplet (Nachtgebet) beten und mich dann beim Rauschen der Brandung schlafen legen. Morgen geht es weiter!

Von Lavra nach Rates (26,9 km)

Was für eine verd… Strapaze. Warum tue ich mir das an?! Quasi mit letzter Kraft habe ich mich in die Pilgerherberge von Rates geschleppt. Hier hält die ehrenamtliche Hospitalera (Herbergsmutter) Christina, die in Hamburg aufgewachsen ist, zur Begrüßung der Pilger Obst und kalte Getränke bereit. Sie quatscht ausgiebig mit jedem Neuankömmling, kümmert sich in aller Seelenruhe um die Registrierung und erklärt umfassend die Herberge – und das, während ich – stehend k.o. – einfach nur eine Dusche und ein Bett will. Das bekomme ich dann auch, als ich an der Reihe bin. Hinten links unten in einem 11-Bett-Zimmer. Außer mir ist da eine Gruppe junger Erwachsener und Thomas, der von Lourdes in Frankreich aus losgelaufen ist und über Santiago de Compostela und Porto nach Fatima läuft. Er hat schon 1200 km hinter sich.

Die Herberge ist super schön. Alles ist einfach, aber man braucht nach dem Laufen auch einfach nicht mehr. Die Stimmung ist super, neben mir singen einige zur Gitarre. Es ist ganz anders als auf dem Campingplatz. Sehr nette Leute, ganz unterschiedlichen Alters und recht international. Für mehr als ein gemeinsames Pilgermenü und ein bisschen Smalltalk im Garten bin ich heute einfach zu kaputt.

Anstrengend waren heute nicht die Schmerzen – die habe ich durch Umschnüren der Schuhe gut in den Griff bekommen – sondern die Hitze. Zum einen war es heute mit über 40 Grad deutlich wärmer als gestern, zum anderen war auf dem zweiten, längeren Teil der Strecke heute kaum Wind und überall Asphalt oder Kopfsteinpflaster. Dazu kam, dass ich zwar diesmal keine Unterkunft reserviert hatte, auf der gesamten Strecke aber auch keine andere Pilgerherberge zu finden war. So war die Etappe im Grunde schon wieder zu lang.

Ein Grund, warum ich heute dennoch Rates angepeilt habe, liegt darin, dass ich relativ schnell in einen guten Laufrhythmus gefunden habe. Ich bin um kurz nach sieben losgelaufen. Der morgendliche Weg über die Holzstege am Strand war atemberaubend schön. Das Morgengebet habe ich am Strand gesungen bzw. gesprochen. Das war ein einmaliges Erlebnis.

„Gott segne uns, dass wir erkennen, was für jetzt ansteht.“

Der erste Satz des Segens am Schluss war für mich ein wichtiger Impuls. Ich denke bei einem Problem nämlich eher: „Was bedeutet das jetzt für das ganze Projekt? Was, wenn sich nichts ändert? Und so weiter…“ Dabei geht es darum zu erkennen, was jetzt ansteht. Welche Probleme jetzt zu lösen sind. Welche Fragen jetzt geklärt werden können. Welche Sorgen jetzt und hier ihre Zeit und ihren Ort haben. Alles andere braucht mich jetzt und hier nicht zu beschäftigen und belasten. Dieser Segen aus dem Morgengebet ist mir heute zuteil geworden und er hat das Laufen sehr vereinfacht.

Nach dem Morgengebet am Strand habe ich in einer Strandbar gefrühstückt. Ab Vila de Conde wurde der Weg dann landschaftlich ganz anders. Von der Küste weg ging es ins Landesinnere, durch Dörfer und Felder auf endlosen (und zum Teil gefährlich engen Landstraßen). Außerdem wurde es immer heißer.

Als ich fast am Ende meiner Kräfte war, ist mir eingefallen, dass mein Bruder mir für den Jakobsweg einen Soundtrack zusammengestellt hat. Den hatte ich bisher schlicht vergessen. Im Schatten einiger Bäume habe ich den Kopfhörer gesucht und bin mit der Musik weitergelaufen. Sie hat mich echt den Rest des Weges getragen. Danke, Jens!

Open in Spotify

Jetzt wird es gerade dunkel, aber leider nicht kühler. Ich muss morgen früher los!

Von Rates nach Barcelos (18,9 km)

Die Nacht mit zehn anderen in einem stickig-heißen Mehrbettzimmer war erwartungsgemäß unruhig und entsprechend schlaflos. Mein Schlaftracker hat 3 Stunden und 49 Minuten Schlaf aufgezeichnet. Um 5:00 Uhr klingelte dann auch schon der erste Wecker. Erst habe ich versucht nochmal einzuschlafen, dann hab ich es aufgegeben und bin aufgestanden und früh los. Es war dann ein bisschen kühler, aber wirklich nur ein bisschen.

Dafür war der Weg wirklich sehr schön und abwechslungsreich. Eine schöne kleine (leider geschlossenen) Kirche habe ich für das Morgengebet ausgewählt und anschließend in einem Café in der Nähe gefrühstückt. Da saßen dann auch all jene, die schon um 5:00 Uhr losgegangen sind.

Das Laufen ging heute eigentlich ganz gut. Eigentlich deshalb, weil das Loslaufen schmerzhaft ist. Meine Knie sind die Belastungen echt nicht gewohnt. Als sehr hilfreich und vor allem die Knie entlastend haben sich die Trekkingstöcke erwiesen. Bei den Höhenmetern, die jetzt stetig mehr werden, sind sie eine unschätzbare Hilfe.

Auf der Höhe der Ortschaft Carvalhal hatte ich auf einer menschenleeren Straße die erste Begegnung mit einem herrenlosen Hund. Glücklicherweise war er recht klein, augenscheinlich ganz lieb und interessierte sich nicht wirklich für mich. Trotzdem musste ich sofort an Paulo Coelhos Begegnung mit dem Hund denken:

„Ich blickte zur Seite. Da stand er: der Hund.  (…) Ich hielt den Blick des Tieres fest, während ich fieberhaft überlegte, wie ich mit dieser Situation fertig werden sollte. Keiner von uns rührte sich, und ich musste unwillkürlich an die Duelle in einer dieser menschenleeren Städte in den Westernfilmen denken. Niemand war bisher auf die Idee gekommen, ein Duell zwischen einem Mann und einem Hund zu inszenieren. Das war einfach zu unglaubhaft. Doch da stand ich und erlebte real, was in der Fiktion unrealistisch gewesen wäre.

Dort stand die Legion, denn es waren ihrer viele. Neben mir lag ein verlassenes Haus. Wenn ich unvermittelt losrennen würde, könnte ich auf das Dach klettern, und die Legion würde mir nicht folgen. Sie war im Körper und den Fähigkeiten eines Hundes gefangen.

Ich verwarf diesen Gedanken sofort, während ich den Hund weiterhin anstarrte. Mir hatte schon oft vor diesem Moment gegraut, und jetzt war es soweit. Bevor ich mein Schwert fand, mußte ich mich meinem Feind stellen, ihn entweder besiegen oder von ihm besiegt werden. Wenn ich jetzt floh, war alles verloren. Vielleicht würde der Hund nie wieder kommen. Doch ich würde bis Santiago in ständiger Angst leben, und später würde ich nächtelang von diesem Hund träumen, der jeden Moment wieder auftauchen konnte.“

(Paulo Coelho: Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela, Zürich 1999, 194f.)

Dass ich auf dem Weg meinen persönlichen Dämonen begegnen würde, konnte ich mir schon vorstellen, allerdings wohl eher nicht in Form eines Hundes. Meine unbewussten Ängste zeigen sich eher in Form von Träumen und psychosomatischen Symptomen. Beides habe ich in den Tagen kurz vor dem Aufbruch erlebt. Letztlich sind die „Dämonen“ alte Bekannte. Ob ich mich ihnen auf dem Weg explizit stellen werde, ist offen.

Die heutige Etappe war deutlich kürzer als die ersten beiden. Die Versuchung noch weiter zu gehen, war schon da, aber das wäre tatsächlich unvernünftig.

Barcelos ist eine tolle Stadt. Das hat die Entscheidung leichter gemacht, heute hier zu bleiben. Jan, den ich gestern unterwegs getroffen habe, hat dieselbe Entscheidung getroffen. So sind wir – dank der kurzen Etappe – die ersten in der Herberge Cidade de Barcelos. Wir entscheiden uns für ein Dreibettzimmer, in das dann – wie könnte es anders sein – der ältere italienische Pilger kommt, der in der vergangenen Nacht in unserem Zimmer reichlich für Unruhe gesorgt hat. Heute Nacht probiere ich definitiv das Ohropax aus.

Von Barcelos nach São Simão (22,2 km)

Was man sich vorgenommen hat, sollte man auch tun. Im Blick auf das Ohropax habe ich das leider nicht gemacht, was ein schwerer Fehler war. Dass ich – laut Schlaftracker – noch auf 4 Stunden und 39 Minuten Schlaf gekommen bin, liegt daran, dass ich mitten in der Nach den gesamten Schlafsack ausgepackt habe, um das Ohropax zu finden. Nachdem ich es in den Ohren hatte, habe ich super geschlafen – bis um 5:00 Uhr der Wecker ging.

Früh loszugehen ist bei der Hitze unumgänglich. Außerdem ist das Laufen in den Sonnenaufgang hinein einfach super schön. Ich hatte mir vorgenommen auf dem Streckenabschnitt bis Portela de Tamel die kürzere Route zu nehmen, die nicht an der Kirche Santa Maria de Abade de Neiva oben auf dem Berg vorbeiführt. Doch obwohl ich aufmerksam den Pfeilen gefolgt bin, stand ich plötzlich vor einer beeindruckenden Kirche oben auf dem Berg. Wo ich nun schon mal da war, gab die Kirche einen schönen Ort für mein Morgengebet ab.

Der Weg heute war sehr schön. Immer wieder habe ich versucht in den Fotos etwas davon einzufangen, was aber nur sehr unzureichend gelungen ist.

Das Laufen funktionierte heute super. Ich habe meinen Rhythmus gefunden und die Schmerzen sind weg, kurz nach dem ich im Rhythmus bin. Pausen oder genauer das Loslaufen nach den Pausen sind entsprechend die größte Herausforderung.

Heute habe ich unterwegs eine Menge Leute kennengelernt. Die am weitest gereisten sind Geschwister aus Australien. Er wollte seine jüngere Schwester ursprünglich gar nicht mitnehmen, weil er Angst hatte, dass sie ihn ausbremsen könnte. Tatsächlich hat er jetzt Mühe von ihr nicht komplett abgehängt zu werden. Dabei ist er ganz sicher doppelt so schnell unterwegs wie ich. In der Unterkunft sind neben mir noch zwei Deutsche, vier Dänen, zwei Iren und zwei Niederländer.

Die Herberge „Casa Fernanda“ ist klasse. Auf ihrem Grundstück betreibt Fernanda in einer großen Blockhütte eine private Herberge mit zehn Betten. Neben Dusche, Bett und Waschmöglichkeit gibt es Getränke und Essen für die Pilger gegen eine Spende.

Als ich bei der Ankunft meinen Namen genannt habe, kam heraus, dass einer von Fernandas Hunden auch Sascha heißt. Dem macht die Hitze auch zu schaffen, so dass er (oder besser sie) auf dem Foto so aussieht wie ich mich fühle. Neben den Hunden gibt es in dem fast etwas verwunschen anmutenden Garten auch Katzen, Hühner, Enten und ein Wildschwein.

Um 18:00 Uhr haben Fernanda und ihr Mann die Pilger zum Essen in ihre Küche eingeladen. An einer langen Tafel haben wir gegessen und getrunken, geredet und gesungen. Auf Wunsch der Gastgeberin hatten die Pilger jeder Nationalität ein Lied zur Gitarre zu singen. Es war ein fantastischer Abend. Fernandas Kommentar, als wir uns verabschiedet und bedankt haben:

„That’s the Caminho.“

Von São Simão nach Ponte de Lima (16,5 km)

Ohropax ist die Macht. Diese Nacht bin ich auf 5 Stunden und 6 Minuten Schlaf gekommen. Dass nachts eine der Katzen in die Hütte gekommen ist, habe ich erst mitbekommen, als sie im stockdunklen Flur an meinem Bein geleckt hat, während ich auf dem Weg zur Toilette war.

Nach einem kurzen Frühstück gegen 6:00 Uhr, sind Jan und ich diesmal zusammen auf die Etappe gegangen. Der Weg war schön und abwechslungsreich. Das Laufen fiel mir heute leicht und die Aufmerksamkeit bewegte sich so langsam vom Schmerzempfinden weg auf die Wahrnehmung der Umgebung.

Für das Morgengebet habe ich mir heute einen Trinkbrunnen ausgesucht. Dadurch, dass ich mit Jan zusammen unterwegs war, bin ich zum ersten Mal bei einer Gebetszeit nicht alleine gewesen und Jan hat an meinem Morgengebet teilgenommen. Eine schöne Erfahrung.

Durch die relativ kurze Etappe waren wir heute vor der Mittagshitze am Ziel. Insgesamt machen mir die Hitze und das viele Schwitzen beim Laufen kreislaufmäßig doch zunehmend zu schaffen. Ich bin deshalb heute in Ponte de Lima in die Apotheke gegangen, um Elektrolytpulver zu besorgen. Ich trinke zwar für meine Verhältnisse unermesslich viel Wasser, aber dadurch werden wohl Mineralien und Salze ausgespült. Während ich noch überlegt habe, wie ich mich der Apothekerin verständlich machen kann, spricht mich ein Portugiese an. Er zeigt mir auf seinem Handy Fotos von seinem Caminho im vergangenen Jahr. Sein Kollege, der mit in der Schlange steht, erweist sich als deutschsprachig. Er hat für mich mit der Apothekerin gesprochen, so dass ich nicht nur das gewünschte Mittel bekommen habe, sondern gleich auch noch ein paar hilfreiche Tipps.

Da die Herberge erst um 16:00 Uhr öffnete, hatten wir fast vier Stunden Zeit, um uns am Ufer des Flusses Lima zu entspannen. Dabei habe ich auch den Soundtrack von Jens weitergehört. Beinahe jeder Titel enthält Gedanken und Fragen, die mir in den letzten Tagen gekommen sind.

Jan und ich hatten uns gerade überlegt, dass wir in die Stadt gehen und etwas zu essen kaufen könnten, da fragt uns die portugiesische Familie, die in der Nähe Picknick gemacht hat, ob wir kaltes Wasser möchten. Das haben wir dankbar angenommen. Plötzlich stand jemand mit Brötchen und Schinken da. Dann kam jemand mit einem Stück Pastete, mit Fisch und mit Früchten. Ehe wir uns versahen, war da ein ganzes Büfett für uns, zudem wir auch noch jeder eine Flasche kaltes Bier bekommen haben. Es war einfach unglaublich. Mir kamen gleich Fernandas Worte in den Sinn:

„That’s the Caminho!“

Als wir zur Öffentlichen Herberge von Ponte de Lima zurück kamen, standen dort bestimmt schon 40 Rucksäcke in der Schlange. Wir haben aber einen Platz bekommen, geduscht, Wäsche gewaschen und Tagebuch geschrieben. Es hat sich schon eine gewisse Routine eingestellt. Auch, was am Abend vorzubereiten ist, um morgens noch im Dunklen möglichst leise aufstehen und losgehen zu können, hat sich eingespielt.

Gleich geht es noch zum Einkaufen und zum Essen. Morgen steht eine „Bergetappe“ auf dem Programm, von der alle mit höchstem Respekt reden. Ich bin gespannt.

Von Ponte de Lima nach Rubiães (20 km)

Heute war nicht nur der Tag der „Bergetappe“, sondern auch der „Tag der kleinen Geschichten „.

Es fing damit an, dass Jan und ich gegen 5:45 Uhr losgegangen sind. Im Licht der Straßenlaternen gingen wir eine Straße entlang, auf der in etwa 200 Metern Entfernung eine alte Frau stand, mitten auf der Straße. Ich dachte, dass sie vielleicht darauf wartete abgeholt zu werden. Als wir freundlich grüßend an ihr vorübergehen wollten, fragte sie: „Caminho de Santiago?“ und deutete in den Weg, der nach rechts von der Straße abging. Jetzt erst sahen wir, dass die Pfeile dorthin zeigten und nicht geradeaus. Als ich mich umdrehte, um mich nochmal zu bedanken, war die Frau bereits in einer Hofeinfahrt verschwunden. Irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie einzig aus dem Grund auf der Straße gestanden hatte, um uns davor zu bewahren, uns in der Dunkelheit zu verlaufen.

Jan und ich laufen ab jetzt getrennt weiter, damit jeder den eigenen Rhythmus finden kann. Der Weg führte durch einen trockengefallenen Bewässerungsgraben. Dort konnte man sich unmöglich verlaufen. Genauso unmöglich konnte man aber auch sehen, wohin man trat. Was habe ich wohl in der Absicht, das Gewicht des Rucksacks so gering wie möglich zu halten, wieder ausgepackt? – Richtig, meine Stirnlampe. So tastete ich mich vorsichtig mit den Wanderstöcken durch die Dunkelheit des Grabens und habe mir fest vorgenommen, eine Liste mit all den Dingen anzulegen, die mitzunehmen doch sehr sinnvoll gewesen wäre. Während ich im Geiste anfing die Liste zu erstellen, wäre ich fast in Jan hingelaufen, der stehengeblieben war, um seine Stirnlampe aus dem Rucksack zu holen. Ich werde für alle überheblichen Gedanken zum Gewicht seines Rucksacks um Entschuldigung bitten müssen.

Kurz nach dem Sonnenaufgang führte der Weg an einem Forellen-Angelteich vorbei. In der zugehörigen Bar gab es Frühstück. Schnell verbreitete sich unter den Anwesenden die Geschichte, dass einer der beiden Iren heute morgen vergeblich nach seinen Wanderschuhen gesucht hätte. Da kein anderes Paar übrig blieb, als alle Pilger die Herberge verlassen hatten, wurden sie wohl gestohlen. Dass die Wanderschuhe weg sind, ist auf dem Caminho so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann, weil sich gut eingelaufene Wanderschuhe nicht einfach ersetzen lassen. Doch dann stand besagter Ire plötzlich mit seinem Rucksack auf dem Rücken und Schuhen an den Füßen in der Bar. Einer der Dänen hatte ein zweites Paar fester Schuhe dabei, die dem Iren mit zwei Paar Socken einigermaßen passten.

Da das Frühstück am Forellen-Angelteich ungeplant früh war, musste ich nachher nach einem schönen Ort für das Morgengebet schauen. Etwa zwei Kilometer weiter sah ich eine kleine Kapelle direkt am Wegesrand. Perfekt. Weil ich aber gerade erst so richtig im Laufrhythmus war, ging ich an der Kapelle vorbei und weiter. Nach etwa 600 Metern wurde ich unsicher, weil keine Pfeile mehr zu sehen waren. Also ging ich zurück, bis ich den letzten Pfeil gefunden hatte. Er war direkt an der Kapelle und wies auf den Weg, der den Berg hinauf führte. Klar, dass ich jetzt erst einmal den Rucksack abgesetzt und mir Zeit für das Morgengebet genommen habe.

Auf dem ersten Anstieg traf ich den jungen Deutschen wieder, den wir gestern auf dem Weg zum Essen auf der Brücke angesprochen hatten, weil er völlig entkräftet und orientierungslos wirkte. Er war sehr lange unterwegs gewesen und hatte dann kein Bett mehr in den Herbergen gefunden. Franziska und Annieke haben ihm angeboten in ihrem Hotelzimmer zu duschen und notfalls auch dort zu bleiben, aber er wollte noch einen letzten Versuch bei der öffentlichen Herberge unternehmen. Heute erzählte er mir dann, dass die Hospitalera (Herbergsmutter) ihn schließlich, weil er nun schon zum dritten Mal fragte, doch auf dem Boden im Aufenthaltsraum habe schlafen lassen. Wie ich heute erfahren habe, waren die Herbergen gestern nicht nur in Ponte de Lima, sondern auch in Rubiães brechend voll waren. Ein Bett für die Nacht und eine Duschgelegenheit zu finden, ist auf dem Caminho sehr wertvoll.

Den Weg nach Rubiães als „Bergetappe“ zu bezeichnen ist sehr treffend. Er führt über den höchsten Punkt des Caminho Português. Die Strecke ist sehr, sehr schön. Das Wetter eignete sich mit 18 Grad und Hochnebel, der auf dem Berg leicht aus dem Blätterdach hinabregnete, super für diese Etappe. Dass durch den Nebel die Aussicht vom Cruz dos Franceses gleich Null war, habe ich im Vergleich zu einem Aufstieg bei der Hitze der vergangenen Tage gerne in Kauf genommen.

In Rubiães hatten Jan und ich Betten in einer der privaten Herbergen reserviert, von denen es hier zahlreiche gibt. „Ninho – The Pilgrim Nest“ wird im Pilgerführer ganz zu Recht sehr gelobt. Es ist in einem komplett sanierten 200 Jahre alten Haus untergebracht und klasse eingerichtet. Neben 13 Betten in drei Zimmern gibt es einen Wohnbereich mit Küchenzeile, dazu eine Terasse und Katzen und Hunde als Haustiere. Letzteres ist ja so gar nicht meins, aber der Caminho lehrt dich in jeder Hinsicht mit dem zu sein, was gerade ist. Das können auch Haustiere sein.

Die anderen Pilger, die für diese Nacht erwartet wurden, sind noch nicht angekommen. Das Wäschewaschen übernimmt hier die Waschmaschine, sodass wir mit einem Kaffee auf der Terasse entspannen können. Der Weißwein für heute Abend liegt schon im Kühlschrank.

Mittlerweile bin ich schon 131 Kilometer gelaufen. Morgen geht es über die spanische Grenze und in Galizien weiter.

Von Rubiães nach Tui (24,7 km)

Da die angekündigte Pilgergruppe in unserer Herberge gestern nicht aufgetaucht ist, hatten Jan und ich das gesamte Haus für uns. Einzig den Wohnbereich mussten wir mit ein paar Mäusen teilen.

Zum Abendessen haben wir uns mit Annieke und Franziska getroffen, die zwei Kilometer vor Rubiães ihre Herberge hatten. Da sie nicht mehr Laufen wollten, sind sie zum Restaurant getrampt. Zum Abschluss des Tages hatten wir noch eine Flasche Wein gekauft, die wir gemeinsam getrunken haben. Die Nacht – ausnahmsweise mal nicht in einem Schlafsaal – habe ich komplett durchgeschlafen.

Um fünf war die Nacht aber dann doch zu ende, um nicht zu spät in Tui anzukommen, weil ja in Spanien die Uhren wieder um eine Stunde vorgestellt werden.

Die Etappe heute war nicht ganz so schön wie die der letzten Tage, dafür aber ziemlich anstrengend. Die Höhenmeter von gestern stecken mir mehr in den Knochen bzw. in den Knien als ich gedacht habe und es gab heute einige heftige Abstiege.

Insgesamt führte der Weg sehr häufig über Kopfsteinpflaster aus unbehauenen Steinen. Den Weg mit Laufschuhen zu gehen, wie das manche machen, halte ich für keine gute Idee.

An den Stellen, wo der Weg staubig ist, sieht man die Fußabdrücke der Pilger, die vor einem diesen Weg gegangen sind. Wenn man sich klar macht, dass jährlich 200.000 Pilger in Santiago de Compostela eintreffen, muss die Zahl derer, die seit Bestehen des Jakobswegs hier gelaufen sind, immens sein. Ich habe mir unterwegs vorgestellt, dass all ihre Fußabdrücke hier in Staub zu sehen waren. Das hat mich berührt. Jeder und jede ist seinen/ihren eigenen Caminho gegangen und trotzdem waren sie alle auf ein gemeinsames Ziel hin unterwegs.

Für mich ist das auch ein Bild für Kirche. Das Bild von einer Gemeinschaft zu der alle gehören, die seit ihrem Beginn dort ihren Glauben gelebt haben. Ich bin überzeugt, dass wir im Gottesdienst und besonders beim Abendmahl nicht nur in der sichtbaren Gemeinschaft dere, die anwesend sind, feiern, sondern auch in der unsichtbaren Gemeinschaft derer, die vor uns waren. Die unsichtbare Gemeinschaft der Kirche bekommt in der sichtbaren Gestalt. Das sind so Gedanken, die mir kommen, wenn ich laufe und auf den Weg schaue.

Ganz andere Gedanken entstehen, wenn ich die polnische Pilgergruppe vor mir auf dem Weg habe. Denn dann ist klar, dass man sich in einer Bar oder in einem Café nur dann für einen Kaffee anstellen sollte, wenn man eine sehr lange Pause eingeplant hat. Ansonsten sollte man weitergehen. Deshalb ist es für eine flexible Pausenplanung immer gut, wenn die polnische Gruppe hinter dir unterwegs ist. Es sei denn – wie heute erlebt – die polnische Gruppe verläuft sich. Jan und ich waren guter Dinge, denn besagte Gruppe wussten wir hinter uns, da hörten wir, nachdem wir die Festung in Valença verlassen hatten, plötzlich vor uns von oben eine Stimme, die rief – frei aus dem Polnischen übersetzt: „Da sind die Deutschen, jetzt sind wir wieder richtig!“ Etwa 50 Meter vor uns kletterten die Polen unter Aufsicht ihres Priesters die Festungsmauern herunter und machten sich vor uns auf den Weg nach Tui. Damit war die Kaffee-Pause gestrichen.

Tui ist eine unheimlich schöne Stadt. Dass die Kathedrale ausgerechnet oben auf den Berg liegt, kommt meinen Knien zwar nicht gerade entgegen, der Besuch dort ist aber trotzdem Pflicht. In der Anbetungskapelle habe ich die Texte des Mittagsgebets gelesen und anschließend gleich noch einen Stempel für den Pilgerausweis geholt. Hinter Tui beginnen nämlich irgendwo die letzten 100 Kilometer des portugiesischen Jakobswegs, auf denen man zwei Stempel pro Tag nachweisen muss, um in Santiago die Compostela zu bekommen.

Die Herberge für diese Nacht soll laut Pilgerführer 900 Meter hinter der Kathedrale direkt am Jakobsweg liegen. Das stimmt auch, allerdings steht da nicht, dass man zunächst den Berg, auf dem die Kathedrale liegt, wieder herunter muss. Stichwort: Knie!

Dafür ist die Herberge „Villa San Clemente“ einfach unglaublich. Der große Garten wirkt wie ein Freilichtmuseum. Außerdem gibt es einen Pool. Zum Duschen kommt daher heute noch Schwimmen hinzu, der Rest ist Routine.

Jetzt sitze ich mit meinem Tagebuch im Garten und freue mich über das Glück, das ich bisher bei der Wahl der Herbergen hatte. Christina, die Hospitalera (Herbergsmutter) in Rates hat gesagt:

„Der Caminho nimmt und der Caminho gibt.“

Da ist was dran.