Von Porto nach Lavra (26 km)

Die Nacht war dann doch nicht so entspannt wie erhofft. Zwar war das Bett durchaus bequem, aber über meinem Zimmer waren die ganze Nacht Möven zugange, die mit ihren Krallen über das – offensichtlich sehr dünne und vollkommen ungedämmte – Dach kratzten und immer wieder laut schrien.

Dabei brauchte ich gar nicht so ganz früh aufstehen, weil die Kathedrale von Porto erst um 9:00 Uhr öffnet. Um viertel vor acht habe ich meinen Rucksack gepackt und bin losgegangen. In Porto gibt es an jeder Ecke so eine Art Kiosk mit integriertem Tante-Emma-Laden, der beinahe rund um die Uhr geöffnet hat und neben Wasser auch gleich ein komplettes Frühstück anbietet.

An der Kathedrale warteten schon ein paar Pilger, von denen mehrere Deutsch sprachen. Außer einem kurzen Gruß kam es aber kaum zu Gesprächen. Das sollte den ganzen Tag über so bleiben und sich erst beim Abendessen ändern.

Um Punkt neun öffnete die Kathedrale ihre Pforten und ich bekam den ersten Stempel in meinen Pilgerausweis. Ich habe dann noch die Gelegenheit genutzt, in der Kathedrale die Laudes (Morgengebet) zu beten. Das war ein guter Start.

Um halb zehn bin ich losgelaufen, runter zum Fluss und dann immer am Ufer entlang. Gegen elf habe ich den Atlantik erreicht. Ein imposanter Anblick mit meterhohen Wellen, die an das Ufer schlagen. Jetzt geht es – mit wenigen Ausnahmen – immer am Strand entlang.

Zur Mittagszeit habe ich an der Promenade Pause gemacht, Crêpes gegessen und meinen Wasservorrat aufgefüllt. Dort habe ich auch das Mittagsgebet mit den beiden Schriftlesungen gehalten. Hängengeblieben bin ich an einem Vers aus dem Buch des Propheten Jeremia:

So spricht der HERR: Wenn du umkehrst, lasse ich dich umkehren, dann darfst du wieder vor mir stehen.  (Jeremia 15,19)

Umkehr – oder mit einem alten Wort: Buße – war ein großes Thema der frühen Jakobspilger. Umkehren, zurückfinden, etwas neu oder anders machen – darüber habe ich theologisch schon häufiger nachgedacht (z.B. hier). Interessant, dass es in der Lesung am ersten Tag meines Weges genau darum geht. Ich bin gespannt, in welcher Hinsicht ich unterwegs umkehren werde. Den Vers aus Jeremia 15 lese ich jedenfalls als eine Einladung dazu.

Hinter dem Leuchtturm von Matosinhos beginnen die Holzstege am Strand entlang. Ein toller Weg mit einem atemberaubenden Blick auf die Brandung des Atlantiks.

Meinem rechten Fuß ist das Laufen auf den Holzstegen allerdings gar nicht gut bekommen. Erst habe ich gedacht, die Schmerzen kämen von einer Druckstelle, aber das war es nicht. Da ich für diese Nacht im Voraus eine Unterkunft reserviert hatte, war ich gezwungen bis Lavra weiter zu laufen. Mit dem entspannten Laufen war es vorbei und ich habe zunehmend weniger von der beeindruckenden Umgebung wahrgenommen. Ich habe eindrucksvoll erlebt, wie der Schmerz die Aufmerksamkeit in Geiselhaft nimmt und ich das mit mir machen lasse. Es hat sich gezeigt, dass der Schmerz nur dann weniger wurde, wenn ich langsamer ging. Doch gerade das fällt mir unheimlich schwer. Auf der getrackten Strecke in der Runtastic-App ist das deutlich zu erkennen. Ich bin nur selten und nur kurz deutlich langsamer gelaufen (grüne Streckenabschnitte). Wäre ich Hape Kerkeling, würde ich jetzt schreiben:

Erkenntnis des Tages: Wenn du es eilig hast (und du ankommen willst), gehe langsam.

Die letzten Kilometer waren echt hart. Wahrscheinlich war es für den ersten Tag auch einfach zu viel. Auf das Reservieren von Unterkünften zu verzichten, kann den Weg auch einfacher machen. Ab morgen nur noch spontan!

Ich war jedenfalls heilfroh, als ich den Campingplatz bei Lavra erreicht hatte. Noch nie habe ich eine Dusche und ein Bett so genossen. Dazu kommt, dass ich einfach traumhaft wohne. Von der Terasse meines Mini-Mobilheims kann ich den Atlantik sehen und die Brandung hören.

Nach dem Waschen meiner Klamotten bin ich dann losgegangen, um das erste Pilgermenü meines Lebens zu essen. Es gab Suppe und Brot, ein Hauptgericht mit Fisch oder Fleisch, eine Karaffe Rot- oder Weißwein und ein Dessert. Das Ganze kostet gerade mal 7,50 Euro, wenn man seinen Pilgerausweis vorzeigt. Beim Essen gab es dann auch Gelegenheit mit Mitpilgern ins Gespräch zu kommen. Es scheinen überwiegend deutsche Pilger unterwegs zu sein und überproportional viele Lehrer*innen, was aber auch an den Sommerferien liegen kann.

Inzwischen ist es kurz nach elf. Wenn der Blogpost fertig ist, werde ich noch die Komplet (Nachtgebet) beten und mich dann beim Rauschen der Brandung schlafen legen. Morgen geht es weiter!

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