Von Ponte de Lima nach Rubiães (20 km)

Heute war nicht nur der Tag der „Bergetappe“, sondern auch der „Tag der kleinen Geschichten „.

Es fing damit an, dass Jan und ich gegen 5:45 Uhr losgegangen sind. Im Licht der Straßenlaternen gingen wir eine Straße entlang, auf der in etwa 200 Metern Entfernung eine alte Frau stand, mitten auf der Straße. Ich dachte, dass sie vielleicht darauf wartete abgeholt zu werden. Als wir freundlich grüßend an ihr vorübergehen wollten, fragte sie: „Caminho de Santiago?“ und deutete in den Weg, der nach rechts von der Straße abging. Jetzt erst sahen wir, dass die Pfeile dorthin zeigten und nicht geradeaus. Als ich mich umdrehte, um mich nochmal zu bedanken, war die Frau bereits in einer Hofeinfahrt verschwunden. Irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie einzig aus dem Grund auf der Straße gestanden hatte, um uns davor zu bewahren, uns in der Dunkelheit zu verlaufen.

Jan und ich laufen ab jetzt getrennt weiter, damit jeder den eigenen Rhythmus finden kann. Der Weg führte durch einen trockengefallenen Bewässerungsgraben. Dort konnte man sich unmöglich verlaufen. Genauso unmöglich konnte man aber auch sehen, wohin man trat. Was habe ich wohl in der Absicht, das Gewicht des Rucksacks so gering wie möglich zu halten, wieder ausgepackt? – Richtig, meine Stirnlampe. So tastete ich mich vorsichtig mit den Wanderstöcken durch die Dunkelheit des Grabens und habe mir fest vorgenommen, eine Liste mit all den Dingen anzulegen, die mitzunehmen doch sehr sinnvoll gewesen wäre. Während ich im Geiste anfing die Liste zu erstellen, wäre ich fast in Jan hingelaufen, der stehengeblieben war, um seine Stirnlampe aus dem Rucksack zu holen. Ich werde für alle überheblichen Gedanken zum Gewicht seines Rucksacks um Entschuldigung bitten müssen.

Kurz nach dem Sonnenaufgang führte der Weg an einem Forellen-Angelteich vorbei. In der zugehörigen Bar gab es Frühstück. Schnell verbreitete sich unter den Anwesenden die Geschichte, dass einer der beiden Iren heute morgen vergeblich nach seinen Wanderschuhen gesucht hätte. Da kein anderes Paar übrig blieb, als alle Pilger die Herberge verlassen hatten, wurden sie wohl gestohlen. Dass die Wanderschuhe weg sind, ist auf dem Caminho so ziemlich das Schlimmste, was passieren kann, weil sich gut eingelaufene Wanderschuhe nicht einfach ersetzen lassen. Doch dann stand besagter Ire plötzlich mit seinem Rucksack auf dem Rücken und Schuhen an den Füßen in der Bar. Einer der Dänen hatte ein zweites Paar fester Schuhe dabei, die dem Iren mit zwei Paar Socken einigermaßen passten.

Da das Frühstück am Forellen-Angelteich ungeplant früh war, musste ich nachher nach einem schönen Ort für das Morgengebet schauen. Etwa zwei Kilometer weiter sah ich eine kleine Kapelle direkt am Wegesrand. Perfekt. Weil ich aber gerade erst so richtig im Laufrhythmus war, ging ich an der Kapelle vorbei und weiter. Nach etwa 600 Metern wurde ich unsicher, weil keine Pfeile mehr zu sehen waren. Also ging ich zurück, bis ich den letzten Pfeil gefunden hatte. Er war direkt an der Kapelle und wies auf den Weg, der den Berg hinauf führte. Klar, dass ich jetzt erst einmal den Rucksack abgesetzt und mir Zeit für das Morgengebet genommen habe.

Auf dem ersten Anstieg traf ich den jungen Deutschen wieder, den wir gestern auf dem Weg zum Essen auf der Brücke angesprochen hatten, weil er völlig entkräftet und orientierungslos wirkte. Er war sehr lange unterwegs gewesen und hatte dann kein Bett mehr in den Herbergen gefunden. Franziska und Annieke haben ihm angeboten in ihrem Hotelzimmer zu duschen und notfalls auch dort zu bleiben, aber er wollte noch einen letzten Versuch bei der öffentlichen Herberge unternehmen. Heute erzählte er mir dann, dass die Hospitalera (Herbergsmutter) ihn schließlich, weil er nun schon zum dritten Mal fragte, doch auf dem Boden im Aufenthaltsraum habe schlafen lassen. Wie ich heute erfahren habe, waren die Herbergen gestern nicht nur in Ponte de Lima, sondern auch in Rubiães brechend voll waren. Ein Bett für die Nacht und eine Duschgelegenheit zu finden, ist auf dem Caminho sehr wertvoll.

Den Weg nach Rubiães als „Bergetappe“ zu bezeichnen ist sehr treffend. Er führt über den höchsten Punkt des Caminho Português. Die Strecke ist sehr, sehr schön. Das Wetter eignete sich mit 18 Grad und Hochnebel, der auf dem Berg leicht aus dem Blätterdach hinabregnete, super für diese Etappe. Dass durch den Nebel die Aussicht vom Cruz dos Franceses gleich Null war, habe ich im Vergleich zu einem Aufstieg bei der Hitze der vergangenen Tage gerne in Kauf genommen.

In Rubiães hatten Jan und ich Betten in einer der privaten Herbergen reserviert, von denen es hier zahlreiche gibt. „Ninho – The Pilgrim Nest“ wird im Pilgerführer ganz zu Recht sehr gelobt. Es ist in einem komplett sanierten 200 Jahre alten Haus untergebracht und klasse eingerichtet. Neben 13 Betten in drei Zimmern gibt es einen Wohnbereich mit Küchenzeile, dazu eine Terasse und Katzen und Hunde als Haustiere. Letzteres ist ja so gar nicht meins, aber der Caminho lehrt dich in jeder Hinsicht mit dem zu sein, was gerade ist. Das können auch Haustiere sein.

Die anderen Pilger, die für diese Nacht erwartet wurden, sind noch nicht angekommen. Das Wäschewaschen übernimmt hier die Waschmaschine, sodass wir mit einem Kaffee auf der Terasse entspannen können. Der Weißwein für heute Abend liegt schon im Kühlschrank.

Mittlerweile bin ich schon 131 Kilometer gelaufen. Morgen geht es über die spanische Grenze und in Galizien weiter.

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