Von Tui nach Mos (23,8 km)

Gestern Abend waren noch die beiden letzten Punkte der täglich Routine abzuarbeiten: Einkaufen und Essen. Letzteres hat sich zu einem tollen Wiedersehen mit der lustigen Runde aus der Casa Fernanda entwickelt. Dass Jan und ich am ersten Abend in Spanien Pizza essen wollten, stieß bei den Dänen zwar zunächst auf Unverständnis, nachdem wir aber auf Andreas Möller (den wir zunächst mit Lothar Matthäus verwechselten) verwiesen haben („Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“), ging die Sache klar.

Heute morgen bin ich erst um viertel vor sieben losgegangen, da es durch die Zeitumstellung eine Stunde später hell wird. Diesmal konnte ich eine Gruppe von Pilgern im letzten Moment davor bewahren in die falsche Richtung zu gehen, weil sie in der Dunkelheit die Pfeile übersehen hatten.

Der Morgen war traumhaft schön. Zum ersten Mal hatten wir keinen Nebel und der Mond stand über dem schwarzen Wald und der Sonnenaufgang war atemberaubend.

Abgesehen von einem längeren Stück an der Nationalstraße war der Weg klasse. Allerdings musste man auf diesem Stück den Pilgerführer genau lesen und befolgen. An zwei Stellen haben die Anwohner nämlich die Wegmarkierungen übermalt oder geändert, um die Pilger durch ein Gewerbegebiet und an ihren Geschäften vorbei zu leiten. Nachdem ich gesehen hatte, was ich verpasst hätte, wäre ich auf die Manipulationen hereingefallen, bin ich bei mehrfach übermalten Pfeilen und zu aufdringlichen Kreuzen (für falsche Wege) sehr vorsichtig geworden.

Bis etwa elf Uhr fällt mir das Laufen leicht und weder Knie noch Füße machen Probleme. Danach wird es kontinuierlich anstrengender, vor allem über die Mittagszeit, wenn das Ziel noch nicht ganz so nah ist und es heißer wird.

Heute führte der Weg zu dieser Zeit an einem Bach entlang. Ich war alleine unterwegs und habe den Soundtrack von Jens weitergehört. Ohne dass ich etwas Bestimmtes gedacht oder gefühlt hatte, liefen mir plötzlich die Tränen in Strömen über die Wangen. Es fühlte sich an, als hätte sich etwas gelöst, und danach war da eine große Sichheit und Klarheit und Freude. Es war das mit Abstand emotionalste Erlebnis des Weges bisher.

Auf den letzten Kilometer bis Mos habe ich schon gemerkt, dass sich am rechten Fuß eine Blase entwickelt. Nun bin ich doch noch dazu gekommen, die Sagen umwobenen Compeed-Pflaster auszuprobieren. Auch meine Wanderstöcke zeigen deutliche Abnutzungserscheinungen. Die Gummikappen für das Laufen auf Asphalt und Stein sind durchgescheuert. Wenn der Treckingladen heute noch einmal öffnet (Schilder mit Öffnungszeiten sind hier maximal ein Richtwert), werde ich versuchen Ersatz zu bekommen. Die Metalldorne für das Laufen im Gelände machen nämlich auf der Straße einen Höllenlärm.

Während ich noch schreibe, sind die anderen schon zum Biertrinken. Da schließe ich mich jetzt an. Kein Alkohol ist auch keine Lösung.

Von Mos nach Arcade (17,5 km)

Beim Abendessen gestern fragte jemand nach den lustigen Geschichten dieses Tages. Da entstand eine nachdenkliche Stille. Schließlich habe ich von meinem Erlebnis auf dem Weg am Bach entlang erzählt und es stellte sich heraus, dass beinahe alle Ähnliches erlebt hatten. Es wurden Antworten auf schon lange offene Fragen gefunden oder Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten getroffen. An diesem Tag ist in der Stille viel passiert.

Nachdem wir diese Erlebnisse miteinander geteilt hatten, war das Bier an der Reihe. Zurück in der Herberge waren dann plötzlich auch die beiden Iren und der Holländer aus der Casa Fernanda wieder da, was natürlich gefeiert werden musste. Der Abend, der nachdenklich begann, endete feucht-fröhlich.

Heute morgen bin ich mit Jan, Franziska und Annieke losgelaufen. Mit der Zeit haben wir uns zu einer Vierergruppe zusammengefunden. Dass wir zusammen laufen ist eher die Ausnahme, aber wir schauen zusammen nach Unterkünften und treffen uns fast immer zum Essen.

Der Weg führte heute über einige heftige Steigungen und Gefälle. Einen Brunnen im Wald habe ich heute für das Morgengebet ausgesucht. Das war nochmal wieder eine andere Atmosphäre.

In Redondela waren wir dann wieder am Atlantik bzw. an einer riesigen Meeresbucht.

Die Etappe heute war mit 17,5 Kilometern eher kurz und trotz der Höhenmeter ging das Laufen heute super.

Da wir heute wieder am Atlantik angekommen sind, haben wir uns nach der üblichen Routine zum Strand von Arcade aufgenacht. Mit Jan zusammen bin ich Schwimmen gegangen, was im warmen Wasser der flachen Bucht sehr angenehm war.

Für das Abendessen war eigentlich der Besuch eines Fischrestaurants angedacht. Es fand sich aber – Gott sei Dank – kein Restaurant, das geöffnet hatte und allen zusagte. Deshalb haben wir entschieden einzukaufen und in der Herberge zu kochen. Das Essen war richtig lecker und der Abend zugleich ein schöner Abschluss der gemeinsamen Zeit, denn Annieke wird uns morgen verlassen, um mit ihrem Freund Urlaub in Portugal zu machen.

Nach einigem Überlegen, haben Jan, Franziska und ich entschieden, den Weg nach Santiago auf der sogenannten „Variante Espiritual“ weiter zu laufen. Ich bin sehr gespannt!

Von Arcade nach Poio (23,2 km)

Heute morgen bin ich um 7:00 Uhr losgelaufen ohne darüber nachzudenken, dass ich laufe. Alles geht ganz automatisch, der Rucksack ist fast ein Teil von mir, die Schuhe sitzen perfekt, die Stöcke finden den Takt. Nicht nur ich laufe, es läuft.

Es ist noch dunkel und überall in der Umgebung krähen die Hähne. Erst der Weg aus Arcade hinaus zeigt die schönsten Stellen der Stadt und das im Licht der aufgehenden Sonne.

Da meine Gedanken sich nicht mehr mit dem Laufen beschäftigen, sind sie frei für alles, was kommt. Das sind unterschiedliche Gedanken, schöne und hässliche, erwünschte und unerwünschte. Ich wundere mich, weil ich so manches für erledigt gehalten habe. Es ist wie bei der Meditation. Die Gedanken kommen auf und ziehen weiter, wenn ich nicht auf sie einsteige.

Heute dauert es lange, bis auf dem Weg eine Bar oder ein Café fürs Frühstück auftaucht. Dafür finde ich am Wegrand eine kleine Kapelle für das Morgengebet. Die Akustik ist super und der Klang des (gesungenen) Benedictus klingt nochmal ganz anders als sonst. Die Gebete laut zu sprechen fällt mir inzwischen leicht.

In Pontevedra verabschiedet sich dann Annieke. Eigentlich wollte sie in zehn Tagen bis Santiago laufen, bevor sie mit ihrem Freund Urlaub macht. Das hat sie nicht geschafft. Sie sagt, dass der Caminho sie diesmal lehre, etwas zu tun ohne es beenden zu können. Hier war am Ende tatsächlich der Weg das Ziel.

In der Stadt ist mächtig was los. Wir schauen uns ein wenig um, wollen aber noch weiter. An der Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra treffe ich auf einen Bettler. Er erinnert mich daran, dass ich in Porto entschieden hatte, den Bettlern, die mir auf dem Weg begegnen, etwas zu geben. Das tue ich ansonsten in der Regel nicht. Auf dem Jakobsweg schlafe ich in Herbergen, die von Ehrenamtlichen geführt werden gegen eine Spende. Ich esse in den Restaurants Menüs für Pilger für weit unter zehn Euro. Ich werde von Fremden zum Essen eingeladen, ohne darum bitten zu müssen. Deshalb habe ich jetzt immer ein paar Münzen in der Tasche, um etwas zu geben und nicht nur zu nehmen.

Nachdem wir schon ein ganzes Stück aus Pontevedra heraus gelaufen sind, kommt die Stelle, an der die „Variante Espiritual“ vom Hauptweg abzweigt. Wir folgen dem Weg den Berg hinauf durch eine noch einmal etwas andere Landschaft als bisher.

Ziel der Etappe ist das Kloster San Juan de Poio, in dem eine Herberge untergebracht ist. Ein beeindruckendes Gebäude, in dem man das alte Kloster und die Kirche besichtigen kann. Es ist außerdem eine günstige Unterkunft mit einem gewissen Hotelkomfort.

Einziges Problem im Hotelzimmer ist das Trocknen der gewaschenen Wäsche. Das ist die Stunde der Wäscheleine, die ich im Rucksack mit mir herumtrage. Die Liste der Dinge, die ich nicht benutzt habe, wird kürzer und kürzer.

Auch das Essen läuft heute nicht so ganz nach Plan. Zwar habe ich gelesen, dass es in spanischen Restaurants außerhalb der Touristenstädte erst ab 21:00 Uhr Essen gibt, aber wer kann ahnen, dass die Spanier sich auch tatsächlich daran halten. Also haben wir eingekauft und neben der Wäscheleine ein Picknick im Zimmer veranstaltet.

Ich bin mal gespannt, wie es Dave und Raymond, den beiden Iren in Punkte Wäschetrocknen und Abendessen ergangen ist. Sie sind nämlich auch auf der Variante Espiritual unterwegs. Wir werden sie morgen sicher wieder irgendwo unterwegs treffen.

Von Poio nach Armenteira (13,2 km)

Heute ging es deutlich später los als sonst. Zum einen gab es in der Unterkunft Frühstück, das allerdings erst ab 8:00 Uhr, und zum anderen hat Franziska zufällig die Kapelle des Klosters gefunden, die ich dann gleich noch für das Morgengebet genutzt habe. Sehr schön war der Hymnus für heute:

„Ich möchte Glauben haben, der über Zweifel siegt,
der Antwort weiß auf Fragen und Halt im Leben gibt.

Ich möchte Hoffnung haben für mich und meine Welt,
die auch in dunklen Tagen die Zukunft offen hält.

Ich möchte Liebe haben, die mir die Freiheit gibt,
zum andern Ja zu sagen, die vorbehaltlos liebt.

Herr, du kannst alles geben: dass Glaube in mir reift,
dass Hoffnung wächst zum Leben und Liebe mich ergreift.“

(Eberhard Borrmann / EG 622 Bayern und Thüringen)

Schließlich war es kurz vor neun, als ich losgelaufen bin. Der Weg führt erst direkt ans Meer und geht dann steil nach oben. Insgesamt sind 460 Höhenmeter zu überwinden.

Der Ausblick ist es das aber mehr als wert. Zu Beginn des Abstiegs waren dann Wildpferde direkt am Weg, ein Hengst, eine Stute und zwei Fohlen.

Der Abstieg nach Armenteira, das auf 275 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist nicht annähernd so steil wie der Aufstieg und führt die gesamte Zeit durch den Wald. Mit den ersten Häusern taucht direkt auch das Kloster von Armenteira auf. Wir werfen nur einen kurzen Blick hinein und beschließen erst einmal zur öffentlichen Herberge zu gehen, um uns ein Bett zu sichern.

Dort stehen schon einige Rucksäcke in der Warteschlange. Die Etagenbetten erweisen sich als recht instabil. Wenn nicht beide ganz ruhig im Bett liegen, schwankt das Bett gewaltig.

Am späten Nachmittag haben wir das Kloster besichtigt. Beim anschließenden Abendessen habe ich versucht ein Bier auf Spanisch zu bestellen. Mir ist nämlich heute beim Laufen aufgefallen, dass ich so gar kein zusätzliches Wort Spanisch oder Portugiesisch gelernt habe, weil ich – ganz bequem – immer Englisch gesprochen habe und es den Gesprächspartnern überlassen habe, damit klarzukommen. Die Tochter von Freunden, die gerade für ein Jahr nach Brasilien gegangen ist, als ich nach Portugal aufgebrochen bin, schrieb kürzlich, dass sie schon sehr viel versteht, wenn die Leute langsam sprechen. Darum habe ich mich nicht einmal bemüht.

Morgen geht es wieder ans Meer, von wo aus wir dann mit dem Boot nach Padrón gelangen wollen. So langsam rückt Santiago immer näher. Am Dienstag könnte es soweit sein.

Von Armenteira nach Vilanova de Arousa (25,7 km)

Da heute nochmal eine längere Etappe anstand, sind wir früh aufgestanden und in der Dunkelheit losgelaufen. Dummerweise führte der Weg aber direkt in den Wald und es war stockfinster. Trotz des Lichts von Jans Stirnlampe haben wir nach kurzer Zeit die Wegmarkierungen verloren, und von einem wirklichen Weg konnte auch nicht die Rede sein. Schließlich irrten wir orientierungslos durch den Wald und kamen an eine verfallene Hütte. Blair Witch Project war gar nichts dagegen. Wir haben uns tatsächlich verlaufen. Als wir an eine Stelle kamen, an der mit Sicherheit vor uns schon lange kein Mensch mehr durch das Dickicht gegangen ist, sind wir umgekehrt. Inzwischen wurde es langsam hell und wir haben immerhin einen Weg gefunden, der parallel zu dem markierten Weg auf der anderen Seite des Bachs verlief. An einer kleinen Brücke konnten wir schließen auf den markierten Weg zurück wechseln.

Ein großer Teil der heutigen Etappe verlief entlang der „Ruta de la piedra y del aqua“ immer am Bach, der sich schließlich zu einem kleinen Fluss ausweitete. Darin wimmelte es nur so von Forellen, die ich mit der Sonnenbrille mit Polarisationsfilter super beobachten konnte. Das hat meine Vorfreude auf das Angeln in den Herbstferien geweckt.

Das Wetter war für die heutige – insgesamt drittlängste – Etappe optimal. Es war bedeckt und dadurch nicht ganz so warm. Gegen Mittag fielen dann sogar ein paar Regentropfen. Grund genug, um den Regenschutz für den Rucksack zur Anwendung zu bringen, um auch diesen von der Liste der nicht gebrauchten Dinge streichen zu können.

So gut ich morgens ins Laufen komme und so leicht es mir inzwischen fällt, auf dem letzten Drittel der Strecke haben mir die Füße echt weh getan. Ich war froh als man das Meer riechen konnte, noch bevor die Bucht in Sicht kam.

Die Pilgerherberge von Vilanova de Arousa ist in den Nebenräumen einer Sporthalle untergebracht. In der eigentlichen Halle findet gerade eine Dinosaurier-Ausstellung statt. Während ich das hier schreibe, hört es sich so an, als liefe nebenan der Film Jurassic Park.

Da es jetzt tatsächlich richtig regnet und es in Vilanova nicht wirklich etwas zu sehen gibt, liegen die meisten der 28 Pilger im Schlafsaal in ihren Betten, schlafen, lesen oder schreiben Tagebuch. Heute scheinen alle ziemlich erschöpft. Nachher werden wir den Tag noch bei einem Glas Wein ausklingen lassen.

Von Vilanova de Arousa nach Faramello (13,5 km)

Heute sollten wir um 7:00 Uhr am Hafen sein, um mit einem großen Schlauchboot nach Padrón zu fahren, wo die nächste Etappe beginnen soll. Die Bootsfahrt gehört zur Variante Espiritual, weil die Pilger so den Weg nehmen, den der Leichnam des Apostels Jakobus zurückgelegt hat, als er nach Spanien gebracht wurde.

„Nach einer anderen, für den Jakobuskult in Santiago de Compostela grundlegenden Legende übergaben seine Jünger den Leichnam des Apostels nach der Enthauptung einem Schiff ohne Besatzung, das später in Galicien im Nordwesten Spaniens anlandete. Helfer setzten ihn weiter im Landesinneren bei. Dann geriet das Grab in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung im 9. Jahrhundert wurde darüber eine Kapelle, später eine Kirche und schließlich die Kathedrale errichtet, um die herum sich der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte und zu der die Jakobswege führen.“

(https://de.m.wikipedia.org/wiki/Jakobus_der_Ältere)

Der Morgen ist nass und kalt. Nachdem das Boot die Meeresbucht durchquert hatte, bog es in die Flussmündung ein. Auf dem Weg stromaufwärts finden sich rechts und links am Ufer insgesamt 17 Steinkreuze, die den Weg markieren, den das Boot mit dem Leichnam des Apostels genommen hat.

Vom Hafen aus, an dem das Boot uns abgesetzt hatte, liefen wir in den Ortskern von Padrón. Der Weg führte dort zuerst in die Jakobuskirche, unter deren Altar der Stein zu sehen ist, an dem das Boot mit dem Leichnam des Apostels festgemacht haben soll. Die Kirche ist heute mein Ort für das Morgengebet.

Auf der Suche nach einem Café fürs Frühstück, gehen wir ins „Don Pepe 2“, direkt gegenüber der Kirche. Pepe begrüßt dort jeden Pilger mit Handschlag, serviert Kaffee und den von seiner Frau selbstgebackenen Kuchen und bittet uns in sein Gästebuch zu schreiben. Sein Café ist übervoll mit Erinnerungsstücken, die ihm Pilger aus aller Welt dagelassen haben. Sein Schatz sind aber die Gästebücher, die ein ganzes Regal füllen. Nachdem wir bezahlt und unsere Rucksäcke wieder geschultert hatten, wurden wir von Pepe verabschiedet, wie er das bei jedem Pilger tut, mit einer Umarmung, einem Kuss und den besten Wünschen für den Weg nach Santiago.

„That’s the Caminho!“

Von Padrón aus sind es nur noch etwa 25 Kilometer nach Santiago de Compostela. Weil wir Zeit haben und gerne am frühen Vormittag ankommen wollen, hatten wir beschlossen bis Faramello zu gehen und dort noch einmal zu übernachten.

Der Weg führt streckenweise direkt an der stark befahrenen Straße entlang, was ihn nicht ganz ungefährlich macht. Solche Abschnitte gibt es immer mal wieder, sie sind auf dem Caminho Português aber tatsächlich die Ausnahme. Auch heute führt der Weg immer auch wieder von der Hauptstraße weg und vorbei an einigen schönen Kirchen.

Wir nehmen uns Zeit die Kirchen zu besichtigen und werden von einem Friedhof angezogen, bei dem auf allen Gräbern große Sträuße frischer Blumen stehen. Wir haben letzte Woche Sonntag beobachtet, dass die Menschen hier in der Frühe Blumen auf den Friedhof bringen, bevor sie die Messe besuchen. Beim Gang über den Friedhof muss ich an meine verstorbenen Großeltern denken. Durch die Genogramm-Arbeit in der Systemischen Weiterbildung sind sie mir kurz vor den Ferien noch einmal sehr nahe gekommen. Auf diesem Friedhof habe ich mich in Gedanken voll Respekt und Dankbarkeit vor ihnen verneigt.

In unseren Gesprächen geht es heute viel darum, dass wir morgen ankommen werden. Was von dem Weg werden wir mitnehmen und uns bewahren?

Franziska und Jan erzählen mir, dass sie gestern mitbekommen haben wie ich mit Alex und unserer Tochter telefoniert habe. Erst ging es um ein paar organisatorische Dinge, dann wollte meine Tochter ein Problem besprechen und schließlich habe ich Alex von den letzten Tagen erzählt. Meinen Weggefährten ist dabei aufgefallen, dass sich mein Ausdruck und meine Stimme total verändert haben, als ich vom Caminho berichtet habe. Mein Reden wurde weicher und entspannter. Ich bin gespannt, ob das anhält.

Für Resümees irgendwelcher Art ist es aber noch zu früh. Morgen werden wir  – wenn auch zum letzen Mal – wieder laufen.

Von Faramello nach Santiago de Compostela (15,5 km)

Für den letzten Lauftag hatte ich den Wecker auf 5:45 Uhr gestellt. Ich wollte gerne so zeitig in Santiago ankommen, dass ich es zur Pilgermesse um 12:00 Uhr schaffe. Irgendwie gingen die Vorbereitungen dann heute morgen schneller als sonst und ich bin schon um 16:15 Uhr auf der Straße.

Es war noch eine ganze Weile dunkel, aber der Untergund war recht ungefährlich und die Pfeile waren mit der Handy-Taschenlampe gut zu finden. Diese letzte Etappe bin ich – wie auch Jan und Franziska – alleine gegangen.

Ich hab unterwegs darüber nachgedacht, wie es wohl sein wird anzukommen. In den vergangenen vierzehn Tagen habe ich tatsächlich fast ausschließlich die anstehenden Etappen im Blick gehabt und abends nur den nächsten Tag geplant. An Santiago habe ich das erste Mal gedacht, als es auf die Variante Espiritual ging. Da habe ich angefangen zu rechnen, um in Santiago ein Zimmer reservieren zu können. Jetzt, wo das Ankommen bevorsteht, ist es mir irgendwie gar nicht so wichtig. Ich bin mir ziemlich sicher das Entscheidende bereits auf dem Weg erlebt und gelernt zu haben. Letztendlich bin ich dann heute auch einfach gegangen, so wie an all den Tagen der letzten zwei Wochen.

Als es richtig hell war, hatte ich ziemlichen Hunger. Ein Café oder ein Kiosk war aber nirgends in Sicht. Ein Schild an der Strecke wies auf eine kleine Kapelle hin, die etwas abseits des Weges liegen sollte. Dort bin ich hin, um schon einmal das Morgengebet zu sprechen und dann bei nächster Gelegenheit zu frühstücken. Von der Kapelle aus war ein Café mit Frühstücksangebot zu sehen, das vom Weg aus nicht zu erkennen war. Coole Sache. Wie war das noch gleich?

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes (…),
dann wird euch alles andere zufallen.“ (Mt 6,33)

Der Weg hatte heute nochmal ein paar sehr schöne Abschnitte, führte dann aber unweigerlich in die Stadt hinein. Als es in die Altstadt ging, wurden die Straßen immer voller und die Gassen immer enger, bis ich plötzlich auf dem Platz vor der Kathedrale stand. Der Anblick ist schon echt beeindruckend, zumal seit dem Frühjahr keine Baugerüste mehr zu sehen sind.

Es war für mich dann – wie ich es gedacht hatte – recht unspektakulär anzukommen. Viel schöner und bewegender war das Wiedersehen mit denen, die ich auf dem Weg getroffen hatte. Allen voran natürlich Jan und Franziska, die vor mir da waren und auf mich gewartet haben, aber auch viele andere, die ich ganz unterschiedlich gut kennen gelernt habe. Die sich auf dem Weg begegnet sind, erkennen sich hier wieder und fallen einander in die Arme.

Nach ein paar Fotos gingen wir direkt zum Pilgerzentrum, um die Compostela zu bekommen. Noch sollte es dort – trotz der Menschenmassen – sehr ruhig sein. Während wir warteten, sprach uns eine Mitarbeiterin der deutschsprachigen Pilgerseelsorge an, um uns zu deren Veranstaltungen einzuladen. Außerdem gab es ein paar wichtige Tipps zum Einlass in die Kathedrale.

Meine Compostela wurde schließlich auf den Namen Alexander Flüchter ausgestellt, weil es eine lateinisierbare Namensform sein muss. Gut, dass ich evangelisch bin und derlei Dokumente nur zu Erinnerungszwecken brauche. Nicht, dass es beim Ablass am Ende zu Verwechslungen kommt. Mit dem Diakon, der die Compostela ausgestellt hat, habe ich mich aber sehr nett unterhalten.

Das Ganze dauerte dann doch etwas länger als erwartet, sodass wir erst gegen zwanzig vor zwölf an der Kathedrale zurück waren, wo sich an der Eingangskontrolle schon eine riesige Schlange gebildet hatte. Alle Plätze waren lange schon belegt, sodass wir an einer der Säulen stehen mussten.

Bei der Pilgermesse in Spanisch ist es hilfreich, dass die Liturgie des katholischen Gottesdienstes auf der ganzen Welt in etwa gleich ist, egal in welcher Sprache die Messe gelesen wird. Ein bisschen mehr evangelische Katholizität wünschte ich mir da manchmal für unsere Kirche. Ich überlege lange, ob ich zur Kommunion gehen soll. Auch wenn die katholische Lehre es anders sieht, fühlte ich mich heute zum Abendmahl eingeladen und es ist nach meiner Überzeugung nicht die Kirche, die einlädt, sondern Jesus Christus. Der Diakon aus dem Pilgerzentrum zuckt nur ganz kurz und gibt mir dann aber die Hostie. Ich hatte bei der Ausstellung der Compostela ja auch meinen Beruf angeben müssen. Ich fürchte, ich habe ihn in eine schwierige Situation gebracht, was mir aufrichtig Leid tut.

Da es nach der Messe einfach zu voll war, bin ich am späten Nachmittag noch einmal wiedergekommen, um mir in Ruhe die Kathedrale anzusehen. Ich bin dann auch zum Jakobusgrab hinunter gestiegen, das unter dem Hochaltar liegt. Dort steht auch die Jakobusstatur, an der die Pilgerströme vorbeiziehen, um die Statur zu berühren. Das habe ich nicht getan. Nur zu gerne hätte ich aber das riesige Weihrauchfass in Aktion gesehen, das durch die gesamte Kirche schwinkt. Wie Franziska aber zufällig erfahren hat, wird es morgen zu Maria Himmelfahrt in Betrieb genommen. Das muss ich unbedingt sehen.

Den Abend haben Franziska, Jan und ich schließlich – nach guter Tradition auf dem spanischen Jakobsweg – beim Italiener ausklingen lassen. Es ist schön, dass ich morgen noch einen Tag hier habe, bevor es am Donnerstag nach Hause geht.

Santiago de Compostela

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart verantwortet die Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela. Die sehr netten und engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laden zu verschiedenen Angeboten ein. Heute morgen habe ich die Pilgermesse in deutscher Sprache besucht, da sich irgendwie kein evangelischer Gottesdienst finden ließ. Obwohl heute an Maria Himmelfahrt die Texte und Themen naturgemäß sehr Maria-lastig waren, hat der Priester einen sehr einladenden und ökumenisch offen Gottesdienst gestaltet. Das war eine schöne Erfahrung.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Franziska und Jan sind wir drei noch einmal in die Kathedrale gegangen, um zu sehen, ob am heutigen Feiertag das große Rauchfass zum Einsatz kommt. Diese Idee hatten noch so circa tausend andere, sodass es schon um zehn Uhr brechend voll war. Tatsächlich begann dann die Pilgermesse um 11:40 Uhr mit einer Prozession und der Inzensation mit dem großen Rauchfass. Ein atemberaubendes Schauspiel. Das hatte ich unbedingt sehen wollen. Wie gut, dass heute ein katholischer Feiertag ist.

Rund um die Kathedrale begegnen mir immer wieder Pilger, die ich unterwegs kennengelernt habe. So lief mir heute die polnische Pilgergruppe genauso über den Weg wie die zwei ungleichen Schwestern aus Italien. Der polnische Priester durfte dann auch als Concelebrand bei der Pilgermesse dabei sein. Er kam allerdings leicht verspätet aus der Sakristei gerannt und versuchte sich schnell noch vor Bischof und Weihbischof in die Prozession einzureihen. Ein Bild für die Götter.

Weil das Pilgermuseum wegen des Feiertags ab Mittag geschlossen war, habe ich am Nachmittag noch die beiden Klöster in der Nähe der Kathedrale besucht. Beide haben beeindruckende Klosterkirchen. Im Monastrio de San Pelayo de Ante-Altares wurde in der Kirche Orgel gespielt, so dass ich eine ganze Weile dort gesessen und zugehört habe. Im Franziskanerkloster hat mich vor allem ein Mönch fasziniert, der in der Kirchenbank saß und mit dem Smartphone seine Nachrichten gecheckt hat: Klosterleben 2.0.

Um 18.00 Uhr haben Franziska, Jan und ich am spirituellen Rundgang um die Kathedrale teilgenommen, den die Pilgerseelsorge anbietet. Es ging zum einen um die Statuen und Reliefs an den Fassaden und Portalen der Kirche, zum anderen aber auch um die Frage, was wir von unserem Weg mit nach Hause nehmen werden. Das passte ausgezeichnet zum letzten Abend, den wir mit einer Flasche Wein auf dem Platz vor der Kathedrale genossen haben.

Mitnehmen möchte ich in jedem Fall die Konzentration auf das, was gerade dran ist. Egal ob Vorbereiten, Laufen, Beten, Duschen, Wäschewaschen, Essen, Schreiben, Reden oder Schlafen, alles hatte vierzehn Tage lang seine Zeit. Ich habe alles zu seiner Zeit getan, aber auch nur dann. Wenn ich etwas getan habe, dann habe ich nur das getan. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich so gut und lebendig gefühlt habe wie lange nicht.

Auch das Erleben, dass alles, was ich an Dingen zum Leben brauche, in einen Rucksack passt, war sehr eindrücklich. Außer der Stirnlampe habe ich wirklich nichts vermisst. Auch in den Unterkünften war mir nur wichtig, dass ich ein Bett und eine Dusche habe. Das muss jetzt natürlich nicht immer so sein, aber es ist ein gutes Gefühl, dass ich nicht mehr brauche, um glücklich und zufrieden zu sein.

Die Frage nach dem Geben und Nehmen wird mich sicher auch noch weiter beschäftigen. Ich habe noch nie so viel Offenheit, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erlebt wie auf dem Weg, insbesondere in Portugal. Ich habe auch bei mir selber gemerkt, dass ich offener mit meiner Unsicherheit und Hilfsbedürftigkeit umgegangen bin und gleichzeitig selber aufmerksamer und hilfsbereiter geworden bin. Mir ist klar geworden, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.

Dankbar bin ich auch für die vielen interessanten Begegnung, die guten Gespräche und die Weggemeinschaft. Gerade weil wir nicht alle dieselben Strecken und Etappenziele gewählt haben und nicht im gleichen Tempo unterwegs waren, hab ich von anderen und ihrem Caminho viel gelernt.

Am Ende ist es mir am wichtigsten gewesen, wirklich auf dem Weg zu sein. Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich komme – glaube ich – oft ans Ziel, bin aber nur selten bewusst auf dem Weg. Das hat sich im Laufe der vergangenen zwei Wochen deutlich verändert. Ich war tatsächlich auf dem Weg und wünsche mir, dass das so bleibt.

Während ich das hier schreibe, bin ich schon auf dem Weg nach Hause und ich freue mich sehr auf meine Familie. Zuhause wird dann wieder Alltag sein. Mein Caminho war eine ganz besondere Erfahrung, doch der Caminho ist nicht mein Leben. Aber das Leben ist ein Caminho. Vielleicht bin ich nach den Erlebnissen und Erfahrungen der vergangenen zwei Wochen auf diesem Weg ein bisschen anders unterwegs.

Nachtrag:

Das Morgengebet heute hat über den Wolken stattgefunden. Der Psalm passt perfekt zu meinem Rückblick auf den Jakobsweg:

Lobe den HERRN, meine Seele,
und alles in mir seinen heiligen Namen!

Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir all deine Schuld vergibt
und all deine Gebrechen heilt,

der dein Leben vor dem Untergang rettet
und dich mit Huld und Erbarmen krönt,

der dich dein Leben lang mit seinen Gaben sättigt;
wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert.

Der HERR vollbringt Taten des Heils,
Recht schafft er allen Bedrängten.

Er hat Mose seine Wege kundgetan,
den Kindern Israels seine Werke.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist,

wie im Anfang,
so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.

Amen.

(Psalm 103)