{"id":2855,"date":"2024-12-04T18:00:00","date_gmt":"2024-12-04T17:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/?p=2855"},"modified":"2024-12-07T13:07:53","modified_gmt":"2024-12-07T12:07:53","slug":"tag-3-vesper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/2024\/12\/04\/tag-3-vesper\/","title":{"rendered":"Tag 3 \u2013 Vesper"},"content":{"rendered":"\n<p>So langsam habe ich mich in die Liturgien der Tagzeitengebete eingeh\u00f6rt und kann gut mitsingen. Im <a href=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/category\/klarheit-ordnung-stille-fuenf-tage-im-kloster-maria-laach\/\">Kloster Maria Laach<\/a> im letzten Jahr ist mir das nicht so recht gelungen. Auch haben dort die Besucherinnen und Besucher der Gebetszeiten in der Klosterkirche allesamt nur schweigend teilgenommen. Das ist hier anders. Es sind vor allem Mitarbeitende des Klosters und Stammg\u00e4ste, die an den Gebetszeiten teilnehmen und daher gut ge\u00fcbt sind. Alles ist aber auch aufs Mitmachen ausgelegt. Trotz der nicht ganz unkomplizierten Folge von Ges\u00e4ngen, die aus dem Evangelischen Tagzeitenbuch und dem Evangelischen Gesangsbuch stammen, gibt es ein Anzeigesystem mit Farben und ein Liturgieblatt mit entsprechenden Markierungen. Es ist leicht zu durchschauen und daher partizipativ angelegt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2825\" srcset=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-300x225.jpeg 300w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-768x576.jpeg 768w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2057-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Interessant ist, dass es mir hier schwerer f\u00e4llt, liturgische Haltungen und Gesten, wie das Knien und das Kreuzzeichen, die ich eigentlich mag, zu praktizieren, w\u00e4hrend mir das in Maria Laach ganz leicht gefallen ist. Vielleicht, \u00fcberlege ich, habe ich dort meine \u201ekatholische Seite\u201c ausgelebt, w\u00e4hrend sich hier meine \u201eevangelische Seite\u201c zeigt. Das ist in sofern etwas eigenartig, weil hier ja nahezu alle Evangelischen ganz selbstverst\u00e4ndlich knien und sich bekreuzigen. Vielleicht ist mir das mittlerweile doch fremder, als ich gedacht habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck habe ich die Chance bekommen, mir die Bibliothek der <a href=\"https:\/\/michaelsbruderschaft.de\">Evangelischen Michaelsbruderschaft<\/a> anzusehen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und ein wenig \u00fcber die Geschichte der Bruderschaft und ihre Regel zu lesen. Sie interessiert mich schon l\u00e4nger. Am Nachmittag hatte dann der geistliche Leiter des Hauses Zeit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch, sodass ich gleich auch meine Fragen zum Kloster Kirchberg und der Evangelischen Michaelsbruderschaft kompetent beantwortet bekommen habe. Einigerma\u00dfen nachdenklich bin ich aus dem Gespr\u00e4ch auf mein Zimmer gegangen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"704\" height=\"991\" src=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bild-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2858\" srcset=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bild-1.jpeg 704w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Bild-1-213x300.jpeg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 704px) 100vw, 704px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Exerzitien heute haben mir einen mir sehr vertrauten Text vorgelegt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Um drei Uhr schrie Jesus sehr laut: \u201eElo-i Elo-i lama sabachthani?\u201c Das hei\u00dft \u00fcbersetzt: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?\u201c <\/p>\n<cite>Markus 15,34<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sofort bin ich bei meiner Deutung dieser Szene. Jesus zitiert sterbend den Beginn von Psalm 22. Ein Klagepsalm. Was sich vordergr\u00fcndig danach anh\u00f6rt, als habe sich Jesus in der Todesnot entt\u00e4uscht von Gott abgewendet, stellt sich als Irrtum heraus. Denn in seiner Not wendet er sich ja mit seiner Klage gerade Gott zu. <em>Seinem<\/em> Gott. Es ist das \u201ei\u201c in \u201eElo-i\u201c, das aus \u201eGott\u201c im Aram\u00e4ischen \u201e<em>mein<\/em> Gott\u201c macht. An diesen kleinsten der hebr\u00e4ischen Buchstaben, h\u00e4ngt Jesus sein ganzes Vertrauen. In der Not kann man sich von Gott abwenden, oder aber sich ihm gerade dann zuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich wollte die Texte doch bewusst \u201egegen mich\u201c und damit auch gegen meine gewohnten Deutungen lesen. Dabei hilft mir heute der Impuls aus den Schriften Bonhoeffers, der zu dem Bibelvers im Exerzitienbuch abgedruckt ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden. Er muss also wirklich in der gottlosen Welt leben und darf nicht den Versuch machen, ihre Gottlosigkeit irgendwie religi\u00f6s zu verdecken, zu verkl\u00e4ren; er muss \u201eweltlich\u201c leben und nimmt eben darin an den Leiden Gottes teil &#8230;<\/p>\n<cite>Dietrich Bonhoeffer, Werke, Band 8, S. 535<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich schaue nochmal auf den Bibelvers. Die Worte Jesu am Kreuz besch\u00f6nigen nichts. Sie sind nicht Ausdruck heroischer Pflichterf\u00fcllung wie im Johannesevangelium (\u201eEs ist vollbracht.\u201c \u2013 Joh 19,30), oder dem\u00fctiger Hingabe wie im Lukasevangelium&nbsp; (\u201eVater, ich befehle meinen Geist in deine H\u00e4nde!\u201c \u2013 Lk 23,46). Sie sind realistisch und unmissverst\u00e4ndlich. Hier ist keine Hilfe. Hier ist kein Gott. Hier ist keine Rettung.<\/p>\n\n\n\n<p>Jesus macht es vor: Mit Gott leiden an einer Welt ohne Gott.\u00a0Was hei\u00dft es, ihm darin zu folgen? \u2013 Vielleicht das: Nichts vom Leid in der Welt besch\u00f6nigen, oder gar entschuldigen. Keinen Sinn konstruieren, wo es keinen gibt. Kein Hinwegtr\u00f6sten \u00fcber das Leid, kein Vertr\u00f6sten auf ein jenseitiges Gl\u00fcck. In den Abgrund der Sinnlosigkeit schauen. Das erinnert mich an meinen Deutschlehrer in der Oberstufe. Ein Existenzialist. Der hat uns gerne damit konfrontiert, dass es keinen Sinn im Leben gibt. Vor allem mich, wollte er damit provozieren: \u201eSascha, wagen Sie es in den Abgrund der Sinnlosigkeit zu schauen, danach k\u00f6nnen wir \u00fcber Ihren Glauben sprechen.\u201c Heute denke ich, er hat mir etwas Wertvolles gezeigt. In einer Welt ohne Gott m\u00fcssen wir in den Abgrund der Sinnlosigkeit schauen. Und dann weitermachen. Seite an Seite mit dem Gott des Christus am Kreuz. <em>Seinem<\/em> Gott. <em>Meinem<\/em> Gott.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2844\" srcset=\"https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-300x225.jpeg 300w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-768x576.jpeg 768w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/saschafluechter.de\/reisetagebuch\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/IMG_2004-2048x1536.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit der Vesper beginnt der Abend. Mir f\u00e4llt auf, dass mir hier \u00fcberhaupt nicht schwer f\u00e4llt, dem ungesunden Essen und Trinken am Abend zu widerstehen. Dabei gibt es hier eine gro\u00dfe Auswahl sehr guter und perfekt temperierter Rotweine, dazu eine Vielzahl an S\u00fc\u00dfigkeiten und Knabbereien. Auch Gesellschaft gibt es im Gemeinschaftsraum immer. Aber nach all dem habe ich in den vergangenen Tagen kein Verlangen gesp\u00fcrt. Vermutlich bin ich gerade mit mir und dem, was ich tue, im Einklang. Ich brauche am Abend nichts anderes, um zu entspannen und abzuschalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So langsam habe ich mich in die Liturgien der Tagzeitengebete eingeh\u00f6rt und kann gut mitsingen. Im Kloster Maria Laach im letzten Jahr ist mir das nicht so recht gelungen. Auch haben dort die Besucherinnen und Besucher der Gebetszeiten in der Klosterkirche allesamt nur schweigend teilgenommen. Das ist hier anders. 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