Beit Jala und Jerusalem, 16. Oktober 2019

Heute Morgen war für uns erst zur dritten Stunde Unterricht. Geschichtsunterricht in der 11d und Arabisch in der 6A standen auf dem Programm. Wieder fällt uns auf, wie aufgeschlossen und freundlich alle Schülerinnen und Schüler sind, denen wir begegnen.

In Talitha Kumi sind viele Klassen mit 15 Schülerinnen und Schülern sehr klein. Es ist beeindruckend zu erleben, wie die Schülerinnen und Schüler, die von der ersten Klasse an Deutsch als Fremdsprache gelernt haben, den Fachunterricht in dieser wirklich nicht einfachen Sprache meistern. Wir sehen auch, dass die Lehrkräfte neben den Fachinhalten immer auch Deutsch als Fachsprache unterrichten müssen. Sie werden dafür aber auch speziell geschult. Durch die deutschen Auslandslehrkräfte bekommen die Schülerinnen und Schüler außerdem didaktisch und methodisch einen Unterricht, der sich vom typischen palästinensischen Unterricht unterscheidet. Kooperative Arbeitsformen und ein kritischer Umgang mit den Unterrichtsinhalten stehen einem Unterricht gegenüber, der fast vollständig Lehrer zentriert ist und weitgehend aus Auswendiglernen und Repetieren besteht. In allen Lerngruppen, die wir gesehen haben, sowohl im arabischen wie im deutschen Zweig, herrscht eine offene und angenehme Unterrichtsatmosphäre.

Gegen Mittag bekommen wir zufällig mit, dass eine außerordentliche Probe des Kinderchores von Talitha Kumi angesetzt ist, weil eine Delegation der EKD spontan die Schule besuchen wird. Wir werden vom Musiklehrer zur Probe eingeladen und sind begeistert von der musikalischen Leistungen und der Motivation der Schülerinnen und Schüler und dem pädagogischen Geschick und Engagement des Kollegen. Dann taucht unvermittelt die EKD-Delegation auf und es gibt ein unverhofftes Treffen mit (ehemaligen) Rheinländerinnen und Rheinländern: Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber, Oberkirchenrätin Barbara Rudolph und Interimsprobst Rainer Stuhlmann.

Im Zusammenhang mit der Chorprobe muss ich noch eine interessante Begegnung schildern. Auf dem Weg zur Probe treffen wir den Chemielehrer, der uns erzählt, dass ein Großteil seiner Schüler im Unterricht fehle, weil sie in der Probe sind. Manche Dinge sind einfach überall gleich…

Am Nachmittag machen wir uns dann erneut nach Jerusalem auf. Aufgrund der Feiertage ist es überall in der Stadt brechend voll. Wir unternehmen einen zweiten Anlauf auf den Tempelberg und in der Nähe des Felsendoms zu gelangen. Doch auch heute heißt es: „It’s closed. Come back tomorrow morning.“ Sehr schade, denn morgens haben wir keine Möglichkeit herzukommen.

Wir begeben uns auf die Suche nach dem Ort des ursprünglichen Talitha Kumi in Jerusalem. Es soll an der Ecke King-George-Street und Ben-Yehuda-Street liegen. Auch dorthin müssen wir uns durch Menschenmengen fortbewegen, die in den Straßen die Feiertage begehen. Schließlich finden wir den Ort und sind überrascht, dass dort sogar noch Gebäudeteile des ersten Kinderheims stehen, die durchaus an Gebäude in Kaiserswerth erinnern. Wir machen einige Fotos, was nahe an der stark befahrenen Straße und mit einer Bushaltestelle direkt vor den Gebäuderesten eine schwierige Angelegenheit ist.

Dann geht es weiter auf den Mount Herzl. Es ist uns ein wichtiges Anliegen in Israel die Holocaust-Gedenkstätte zu besuchen. Yad Vashem ist architektonisch und museumspädagogisch absolut beeindruckend. Der menschenverachtende Antisemitismus und die perfide Mordmaschinerie zur Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Europa wird schonungslos darstellt. Die Opfer bekommen Namen und Gesichter. Gleichzeitig ist der Weg durch das unerträgliche Grauen so angelegt, dass er sich am Ende weitet und wieder Hoffnung und Leben in den Blick kommen.

Sowohl die „Hall of Remembrance“ als auch die „Hall of the Children“ sind bereits geschlossen, als wir oben ankommen. Ich weiß nicht, ob ich darüber traurig oder erleichtert bin. Seit ich selber Kinder habe, ist der Gedanke an die Ermordung der 1,5 Millionen jüdischer Kinder mir vollkommen unerträglich.

Wir suchen noch den Baum für Oskar Schindler in der „Allee der Gerechten unter den Völkern“ und machen uns, als es anfängt dunkel zu werden, auf den Weg zurück nach Beit Jala.

Um den letzten Bus nicht zu verpassen, schaffen wir es nicht mehr in Jerusalem zu essen. In der Hoffnung im Gästehaus noch etwas zu essen zu bekommen, sitzen wir im Bus nach Beit Jala. Nun halten die Busse nicht unbedingt an den Haltestellen, obwohl es die durchaus gibt. Wenn man den Halteknopf drückt, hält der Bus bei nächster Gelegenheit. In der Dunkelheit ist es für uns allerdings schwer zu erkennen, wann wir in der Nähe von Talitha Kumi sind. Einmal drücken wir zu früh und steigen dann doch nicht aus. Als wir dann an der richtigen Stelle drücken, hat der Fahrer uns den unnötigen Halt wohl übelgenommen und fährt ein ganzes Stück weiter. Jetzt stehen wir auf einer dunklen Straße und haben vor allem Hunger. Elisabeth entdeckt auf einem Hügel vor uns ein hell erleuchtetes Haus, das ein Restaurant sein könnte. Oben angekommenStellen wir fest, dass sie Recht hat. Es ist ein Fischrestaurant. Wer mich kennt, der weiß, dass Fisch so gar nicht mein Fall ist, obwohl ich früher viel und gerne geangelt habe. Aber Reisen sind ja bekanntlich die ideale Gelegenheit für neue Erfahrungen, und was soll ich sagen, der „Grilled Salmon“ war sehr lecker.

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