Von Gmund nach Kreuth (22,7 km, 559 Höhenmeter)

Die Tour begann im strömenden Regen. Gut, dass ich nicht – wie zuerst geplant – auf die Regenhose verzichtet habe. In der Bayrischen Oberlandbahn hatte ich Gelegenheit die komplette Regenausrüstung anzulegen, bevor ich dann 30 Sekunden nach dem Aussteigen komplett nass war. Erst habe ich mich geärgert, aber dann gedacht: „Dieses Mal ist das Wetter die Herausforderung.“ Gut, ich hätte auch einfach eine halbe Stunde warten können, bis der Regen aufgehört hat, aber das habe ich nicht getan.

Der Weg ist tatsächlich sehr gut beschildert und ich habe fast immer die richtigen Abzweigungen genommen. Wenn nicht – wie morgens beim Aufstieg auf den Tegernseer Höhenweg -, dann hat mir die neue Strecke etwas beschert, das ich so nicht gefunden hätte. So diente mir die winzige Kapelle im Wald nicht nur als Ort für das Morgengebet, sondern auch für das Ausziehen der Regensachen, denn da hatte es auch schon aufgehört zu regnen.

Bewegt hat mich der Hymnus der Laudes (allerdings der von Montag, denn auch hier habe ich mich vertan; aber warum soll für spirituelle Wege etwas anderes gelten als für Wanderwege):

Ich will, solange ich lebe, Gott rühmen immer da. Mein Herz ihm Ehre gebe, der mir so gnädig war.

(Cornelius Becker, 1561 – 1604)

Tatsächlich kommt meine eigene, ganz persönliche spirituell Praxis oft zu kurz. Mit TE DEUM gibt es zwar wenigstens einen festen Termin in der Woche, aber auch an allen anderen Tagen sollte ich mir dafür Zeit nehmen. Jetzt, wo ich unterwegs bin und täglich Zeit dafür finde, erlebe ich es als echten Gewinn. Vielleicht hilft die erneute Erfahrung meine spirituell Praxis neu zu kalibrieren auch für die Zeit im Alltag.

Der Weg folgt eine ganze Weile dem Höhenweg und führt dann zurück ans Seeufer. Auch hier müssen die Freunde des portugiesischen Jakobswegs nicht auf Holzstege am Ufer verzichten. Dafür auf die Überfahrt mit einem Boot; die Ruderfähre war – wohl wegen des schlechten Wetters – nicht in Betrieb. So bin ich bis Rottach-Egern am Ufer entlang gelaufen. Hier machen offenbar vor allem die Reichen und Schönen Urlaub. Ein völlig verschwitzter Wanderer mit nasser Regenjacke und Regenhose am Rucksack und von Regen und Wind zerzauster Frisur fällt da doch auf. Ich bin trotzdem in die Apotheke gegangen und habe den Lippenstift mit Lichtschutzfaktor und die Rettungsdecke gekauft, die ich bei der Vorbereitung vergessen habe.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter auf dem super schöner Weg, der häufig durch den Wald führt. Das letzte Stück nach Kreuth verläuft der Weg immer direkt an der Weißach. Allein das schäumende Wasser zu sehen, die Stromschnellen zu hören und nach Fischen Ausschau zu halten (leider ohne Erfolg), war für mich einfach klasse.

In Kreuth angekommen war das Hotel zur Post schnell gefunden. Ein Einzelzimmer zu haben ist schon etwas anderes als ein Bett in einem Schlafsaal. Bei mir führt es allerdings zu Chaos. Während mir sonst nur der Rucksack und maximal mein Bett für die Sachen bleibt, habe ich hier jetzt einfach alles über das gesamte Zimmer verstreut. Nur die Wäscheleine auf meinem Balkon erinnert an das Pilgerleben im letzten Jahr.

Nach dem Duschen und Wäschewaschen habe ich die Kirchen des Ortes angesehen. Die katholische Kirche war ja nicht zu übersehen, aber die Schilder besagen tatsächlich, dass es auf dem „Kirchberg“ auch eine evangelische Kirche geben soll. Ich habe sie gefunden und, da sie – anders als die katholische Kirche – nicht abgeschlossen war, als Ort für das Abendgebet genutzt. Ihre Größe zeigt allerdings auch an, wie die Konfessionen in Kreuth verteilt sind. Für einen normalen Sonntagsgottesdienst kämen aber wohl die meisten unserer Gemeinden auch mit dieser Kirche aus. Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn ich hier gleich fertig geschrieben habe, werde ich wohl mal aufräumen und die Etappe für morgen vorbereiten. Da kommt dann nämlich der erste große Aufstieg auf 1566 m. Ich melde mich, wenn ich oben bin.

P.S.: Ich muss mich unbedingt mit der Wettervorhersage beschäftigen. Gerade wurde es plötzlich so stürmisch, dass ich bei dem Wetter nicht gerne im Wald unterwegs gewesen wäre.

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