Predigt in der Frühschicht vor den Osterferien am Theodor-Fliedner-Gymnasium[*]

Göttingen. Eine Passantin hat am Mittwochabend gegen 22.10 Uhr auf einer Parkbank im Kogelhof in der Nähe der Godehardstraße eine etwa 150 Zentimeter große Jesusfigur gefunden. Die Finderin informierte die Polizei. Woher die goldfarbene Figur aus Kunststoff und Gips stammt, ist derzeit noch nicht bekannt. Die alarmierten Beamten brachten die Plastik mit dem Streifenwagen zur Wache in die Otto-Hahn-Straße in Göttingen. Dort wurde die Skulptur trocken untergebracht. Da die Statue keine Hände hat, nimmt die Polizei an, dass sie eigentlich an ein Kruzifix gehört.Es wird nicht ausgeschlossen, dass Unbekannte die Jesusfigur gestohlen haben könnten. Die Ermittlungen in dem Fall dauern an. Sachdienliche Hinweise nimmt die PolizeiGöttingenunter Telefon 0551/491-2115 entgegen.[1]

Diese Meldung stand am 31. Januar im Göttinger Tageblatt. Ich versuche mir diesen Ort vorzustellen: Eine mit Graffitis besprühte Parkbank. Hier treffen sich nachmittags und abends vielleicht Jugendliche, um dort abzuhängen. Auf der Wiese hinter der Bank liegen oft leere Zigarettenschachten und Bierflaschen. Im Gebüsch in der Nähe auch schon mal Spritzen. In der Nacht schläft auf der Bank im Kogelhof vielleicht ein/e Wohnungslose/r. Im Januar mit Sicherheit ein hartes und vor allem eiskaltes Nachtquartier. Am frühen Morgen setzt sich vielleicht jemand auf die Bank, der alleine einen Spaziergang gemacht hat. Er oder sie möchte alleine sein, um über etwas nachzudenken. Etwas, das das ihn oder sie fast die ganze Nacht nicht hat einschlafen lassen, weil das Gedankenkarussell von Sorgen, Zweifeln, Ängsten oder Trauer einfach nicht anzuhalten war. Mittags setzt sich vielleicht ein Kind auf die Bank. Sie liegt auf seinem Schulweg. Das Kind sitzt hier ziemlich lange, um nicht zu früh zu Hause anzukommen. Aus Angst davor, was es dort erwarten wird.

Eine mit Graffities besprühte Parkbank, auf der jetzt der Körper des gekreuzigten Jesus liegt, als wäre diese Bank sein Kreuz. Hilflos liegt er da – und doch verleiht er der Szene einen gewissen Glanz. Und ich denke: Wie gut, dass er da ist. Bei dem Kind, das Angst hat vor seinem Zuhause. Bei den einsamen Nachdenklichen, Verzweifelten, Trauernden. Bei denen, die frierend unter dem offenen Himmel schlafen. Bei denen, die dort abhängen und in Gefahr sind, komplett abgehängt zu werden. – Da wollte dieser Jesus hin. Da wollte er sein. Koste es, was es wolle. Und sei es das eigene Leben…

Göttingen. Eine goldfarbene Jesusfigur hatte am Mittwochabend auf einer Parkbank im Göttinger Kogelhof für Erstaunen gesorgt. Jetzt ist die Herkunft der 150 Zentimeter großen Figur geklärt: Zuletzt hatte der goldfarbene Jesus zum Fundus eines Göttinger Kulturzentrums gehört, teilte die Polizei am Freitag mit. Gemeinsam mit anderen Requisiten sei er aussortiert worden und in einem Baucontainer gelandet. Von dort befreiten ihn dann Unbekannte, schleppten ihn rund einen Kilometer bis in den Kogelhof und weiter bis zu der besagten Parkbank in der Nähe der Godehardstraße. Dort hatte ihn am Mittwochabend gegen 22.10 Uhr eine Passantin entdeckt. […] „Ja, er gehört zu uns“, bestätigt Sprecherin Tine Tiedemann. „Aus Platzgründen haben wir entrümpelt und uns von ihm getrennt. „Wir konnten ja nicht ahnen, dass ihn jemand befreien würde.“ Sie freut sich, dass der alte Jesus zu neuem Ruhm kommt. Eine Bleibe auf Zeit hat der Jesus von der Parkbankbei der Göttinger Polizeigefunden. „Er ist als Fundsache bei uns gelandet“, sagt Sprecherin Jasmin Kaatz. Als solche habe die Finderin Anspruch auf die Figur. „Sie hat bereits Interesse angemeldet“, sagt Kaatz. Sollte sie den Jesus nicht haben wollen, werden die Beamten versuchen, einen neuen Besitzer zu finden. „Nur wenn sich niemand findet, müssten wir ihn endgültig entsorgen. […][2]

Ob die Finderin ihn wirklich mit zu sich nach Hause nimmt? – Irgendwie hoffe ich das und vor allem wünsche ich es ihm. Ihm, dem gekreuzigten Jesus. Ja, und all den anderen, von dieser Parkbank. Ich wünsche Ihnen, dass sie jemand sieht, dass sie jemand findet und sie vielleicht sogar mit nach Hause nimmt – auf die eine oder andere Weise. Und ich frage mich: Werde ich den Gekreuzigten sehen? Werde ich ihn finden? Auf den Bänken, in den Parks oder auf den Straßen meiner Stadt? Werde ich ihn zu mir mitnehmen?

Jesus Christus spricht: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen geben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. […] Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern [und Schwestern], das habt ihr mir getan.

(Mt 25,35–40)


[*] Die Idee zur Predigt verdanke ich dem Blogpost „Religiös unbekannt. Zur ‚Göttinger Jesusfigur'“ von Friederike Erichsen-Wendt (https://zwischengerufen.wordpress.com/2019/02/21/religioes-unbekannt-zur-goettinger-jesusfigur/).

[1] http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Jesusfigur-auf-Parkbank-entdeckt (11.04.2019).

[2] http://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Raetsel-um-goldfarbene-Jesusfigur-in-Goettingen-geklaert (11.04.2019).