Andacht im Landeskirchenamt am 18. Januar 2021

Mose spricht zum Volk Israel:

Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land,
ein Land, darin Bäche und Quellen sind
und Wasser in der Tiefe,
die aus den Bergen und in den Auen fließen,

ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke,
Feigenbäume und Granatäpfel wachsen,
ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt,
ein Land, wo du Brot genug zu essen hast,
wo dir nichts mangelt,

ein Land, in dessen Steinen Eisen ist,
wo du Kupfererz aus den Bergen haust.

Und wenn du gegessen hast und satt bist,
sollst du den HERRN, deinen Gott, loben
für das gute Land, das er dir gegeben hat.

(Deuteronomium 8,7–10)

Mose spricht zum Volk Israel vom Verheißenen Land. Er beschreibt es als einen fruchtbaren Garten, der Weizen, Gerste, Wein, Feigen, Granatäpfel und Honig hervorbringt. Der Grund dafür wird direkt zu Anfang genannt: Der HERR, dein Gott führt dich in ein gutes Land, darin Bäche und Quellen sind. (Dtn 8,7) – Das Land so fruchtbar ist und so voller Leben, weil es dort reichlich Wasser gibt.

Mose spricht zum Volk Israel von diesem Verheißenen Land. Das Volk indes befindet sich mitten in der Wüste. Der fruchtbare Garten voll herrlicher Gaben steht im krassen Widerspruch zur Kargheit und Lebensfeindlichkeit der Wüste. Was dort Fruchtbarkeit und Leben schafft, ist hier Mangelware: Wasser. Nicht, dass es das in der Wüste überhaupt nicht gibt. Auch dort gibt es hier und da Wasserstellen, aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Was heute noch sprudelt, kann morgen schon versiegen.

Mose spricht deshalb zum Volk Israel in der Wüste. Er spricht nicht nur von Quellen und Wasserbächen, sondern auch und vor allem vom „Wasser in der Tiefe“: Der HERR, dein Gott führt dich in ein gutes Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe. (Dtn 8,7) Das ist der entscheidende Punkt. Nur da, wo Wasser in der Tiefe ist, da können die Quellen es noch oben tragen. Nur da, wo der Wasservorrat in der Tiefe groß genug ist, werden die Brunnen nicht trockenfallen und die Ströme nicht versiegen. In der Tiefe liegt der Grund für die Fruchtbarkeit und das Leben an der Oberfläche.

Deshalb spricht Mose zum Volk Israel vom Wasser in der Tiefe. Er spricht von Wasser im Überfluss. Das hebräische Wort, das er dabei benutzt, Tehom, bezeichnet die Urflut aus der Schöpfungserzählung. Im Schöpfungsvorgang hat Gott die Urflut unter der Erde eingeschlossen, ihre Chaosmacht gezähmt und sie zur Quelle des Lebens auf der Erde gemacht. Ihr Ort ist in der Tiefe.[1]

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Mose spricht zum Volk Israel von der Quelle des Lebens, deren Ort die Tiefe ist. Mich hat das berührt und es treibt mich um: Was ist in der Tiefe meines Lebens? Wo sind die Quellen, die mein Leben ermöglichen und erfüllen? Wann erlebe ich, dass da Wasser ist im Überfluss und Leben in Fülle? – Fragen, die zunächst mal nur persönlich beantwortet werden können. Ich fange mal an:

In der Lebendigkeit und Lebensfreude meiner Kinder, erlebe ich etwas davon. Wenn wie gestern Morgen ein paar Schneeflocken zu einem riesen Spaß und der Spaziergang zu einem großen Abenteuer werden.

In den Momenten völliger Gegenwart, erlebe ich die Tiefendimension des Lebens, in denen es nur Hier und Jetzt gibt, kein Gestern und kein Morgen. Manchmal geschieht das in der Meditation, häufiger, wenn ich alleine wandern gehe. Vor zwei Jahren auf dem Jakobsweg habe ich das sehr intensiv erlebt.

Oder in den Gebetszeiten am Morgen und am Abend. Wenn mir bewusstwird, dass ich mich da verbinde mit denen die auch die Tagzeiten beten an all den Orten rund um die Welt und mich einreihe in die lange Tradition derer, die das vor mir getan haben und die es tun werden, wenn ich nicht mehr bin.

Und in den Texten der Bibel. Manchmal ganz plötzlich und unvermittelt beim einfachen Lesen oder Hören. Manchmal im historisch-kritischen Fragen nach der zeitgeschichtlichen Einordnung und der Entstehungssituation. Dann sprechen die Texte mich an und ich erlebe sie als Quelle. Mein Leben gewinnt an Tiefe.

Wie ist das bei Ihnen?

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Mose spricht zum Volk Israel von der Quelle des Lebens, deren Ort die Tiefe ist. Das berührt mich, es treibt mich um und fordert mich heraus: Was ist in der Tiefe unseres kirchlichen Handelns? Wo sind die Quellen, die unsere Kirche lebendig machen und am Leben halten? Wie erleben Menschen, dass da Wasser ist im Überfluss und Leben in Fülle? – Auch hier nur ein persönlicher Anfang:

Da wo im kirchlichen Leben spürbar ist, dass diejenigen, die sich dort engagieren, die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen, in ihrem Tun in Verbindung sind mit ihren Quellen in der Tiefe. Wo Gottesdienste, gemeinsames Bibellesen und gemeinschaftliches Gebet Brunnen sind, aus denen gemeinsam Wasser geschöpft wird. Wenn dabei soviel Wasser zu Tage tritt, dass die Schöpfgefäße überfließen, dann werden andere so auf die Brunnen aufmerksam und kommen dazu.

Andere werden so nicht erreicht. Sie werden etwas von dem Überfluss des Wassers erfahren, wenn wir an den für sie lebensweltlich relevanten Orten mit ihnen zusammen nach der Tiefe ihres Lebens zu fragen und zu suchen. Mit den ganz Kleinen und ihren Eltern in der KiTa, mit Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht und durch die Schulseelsorge. Mit den intellektuell Interessierten in den Akademien. Mit den Kranken am Klinikbett und ihren Angehörigen im Wartebereich. Mit den Alten in den Pflegeheimen und den Hilfesuchenden in diakonischen Einrichtungen. Mit den Trauernden in der Friedhofskapelle und in Trauergruppen.

Überall da, wo wir nicht an der Oberfläche nach Bewässerungssystemen suchen, um das Wasser zu verteilen, sondern an möglichst vielen Stellen Menschen helfen, in der Tiefe nach der Quelle zu suchen, da ist Kirche für mich besonders lebendig.

Was meinen Sie?

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Ich denke, es lohnt sich darüber nachzudenken, wo der Vorrat des lebendigen Wassers liegt. Ganz persönlich für sich und auch gemeinsam für unsere Kirche. Gerade jetzt, wo an vielen Stellen nicht ein Gefühl von Fülle vorherrscht, sondern eher von Rückgang und Mangel. Da ist es gut, zu hören, wie Mose zum Volk Israel vom Wasser in der Tiefe spricht. Seine Worte können wir gebrauchen, wenn Wüstenzeiten bevorstehen. Sie ermutigen uns:

Seid unbesorgt. Lasst euch von den Oberflächen des Lebens nicht täuschen. Lasst euch von leeren Brunnen und zeitweilig ausgetrockneten Bachläufen nicht entmutigen. Sucht in der Tiefe. Geht an die Quelle. Nehmt von der Fülle.

Der Gott Israels, von dem Mose spricht, hält an seiner Verheißung fest. Und er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er ist für uns das Wasser in der Tiefe dieser Welt. Er ist für uns die Quelle des Lebens.

Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade.

(Johannes 1,16)


[1] Zu diesem Abschnitt vgl. Eckart Otto: Deuteronomium 1–11, Teilband 2. 4,44–11,32, 914f.