Auf einer Skala von 0 bis 10: Wieviel mehr und länger hättet Ihr in diesem Jahr Sommerferien gebraucht? Wenn 0 bedeutet: „Ich brauche überhaupt keine Ferien. Ich kann einfach durcharbeiten.“ Und 10: „Ich möchte (oder kann) eigentlich gar nicht wieder anfangen zu arbeiten.“ Hand aufs Herz! Wo befindet Ihr Euch auf dieser Skala? – Ich beobachte bei mir, dass der Wert auf der Skala von Jahr zu Jahr ansteigt. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Anfangszeit an der Schule mit letzter Kraft in die Ferien gekrochen bin, es nach drei Wochen aber schon nicht mehr erwarten konnte, dass es weitergeht. – Das ist heute anders… Dabei arbeite ich wirklich gerne und ich liebe, was ich tue. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, und ich empfinde es als ein großes Glück, dass ich das tun kann, was ich gerne und mit großer Leidenschaft tue und damit mich und meine Familie ernähren kann. Gleichzeitig liebe ich auch die Ferien und brauche zunehmend mehr davon als Ausgleich zu den Schulwochen und -monaten. Schule ist schön, aber auch in einem Maße Kräfte zehrend und anstrengend, wie Außenstehende es sich nicht mal in Ansätzen vorstellen können. Wer also mehr und länger Ferien gebraucht hätte, der hat alles Recht der Welt dazu. Dass das nicht geht, so paradiesisch der Gedanke sich auch anhört und anfühlt, ist nicht nur eine Binsenweisheit, es steht auch schon in der Bibel. Sie verbindet in der Schöpfungserzählung den Verlust des Paradieses mit der Mühsal der Arbeit:

Gott sprach zu dem Mann: Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.

(Genesis 3,17b)

Ein Fluch, den Gott selber hier über das Verhältnis des Menschen zur Arbeit legt. Da ist der Burnout quasi göttlichen Ursprungs…

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„Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir.“ Dieses Buch von Udo Schroeter habe ich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Der Autor war früher Diakon und veranstaltet jetzt Erholungsseminare für Männer, bei denen er mit ihnen an einen einsamen Strand auf Bornholm campiert, Feuer macht, Angeln geht und redet. Von diesen Seminaren handelt das Buch. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Bei ihrer alltäglichen Arbeit kennen viele Männer ihre Grenzen leider nicht mehr. Wenn ist es Zeit aufzuhören? Da springt kein Fisch aus dem Wasser, den man noch jagen könnte. Es ist (vielmehr) die E-Mail, die schnell noch beantwortet werden muss, ein dringender Kundenanruf, ein ausstehendes Angebot oder ein Akquise-Gespräch nach 19 Uhr. Die meisten Männer haben verlernt, sich selbst zu führen und auf sich aufzupassen. Sie springen beim nächsten Impuls direkt auf, sie werfen ihre Angel noch einmal aus, und dann noch einmal, und noch einmal… So lange, bis sie erschöpft zu Boden gehen. Sie sind ständig auf der Jagd, ohne gute Vorbereitung, ohne Rückbesinnung und ohne Erholung. Für diesen Rhythmus bezahlen sie einen hohen Preis. Viele leiden unter Schlafstörungen, innerer Unruhe, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Angst und Stress. Und jede dieser Diagnosen ist der Ausdruck eines Lebens, das schon über längere Zeit nicht mehr in der Balance ist. Ein Leben, das keinen Ausgleich mehr kennt.

(Udo Schroeter: Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir, München 2019, 118f)

Diese Stelle hat mich unmittelbar angesprochen. Nicht nur, weil ich die beschriebenen Symptome kenne. Vor allem, weil ich schon lange und immer wieder neu nach der Balance suche, von der hier die Rede ist. Udo Schröter visualisiert das in Form eines Kreuzes, das er dann zu einem Rad erweitert. Es geht um Ausgleich, um Rhythmus und Balance. Udo Schroeter nutzt das Meer, um die Männer in seinen Seminaren dafür zu sensibilisieren. Mich er damit an einen Mann erinnert, auf den der Titel „Ein Mann, ein Meer“ auch in gewisser Weise zutrifft: Noah. – Von ihm sagt die Bibel:

Noah wird uns trösten in unserer Arbeit und der Mühsal unserer Hände auf dem Acker, den der Herr verflucht hat.

(Genesis 5,29)

Ausgerechnet in Noah wird uns ein Trost gegenüber dem Fluch der Arbeit verheißen. – Wie das?!

Der HERR roch den lieblichen Geruch (von Noahs Opfer) und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen. (…) Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

(Genesis 8, 21f)

Hier wird dem Fluch, den Gott über das Verhältnis des Menschen zur Arbeit gelegt hat, ein Segen entgegengestellt. Der Segen zeigt sich im Rhythmus der Natur: Es sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das heißt zunächst ganz simpel: Das Leben besteht nicht nur aus Saat, sondern auch aus Ernte. Aus Frost wie aus Hitze, aus Sommer wie aus Winter, aus Tag wie aus Nacht. Nicht im „entweder – oder“, sondern im „sowohl als auch“ liegt der Segen Gottes, der sich in den Rhythmen der Natur zeigt. Für den Umgang mit der Mühsal der Arbeit bedeutet das für mich aber auch, die Rhythmen des Lebens wahr- und ernst zu nehmen. Nicht nur im Großen, die Jahresrhythmen zwischen Schulzeit und Ferienzeit. Sondern besonders im Kleinen, die Rhythmen der Monate, der Wochen und der Tage. Sie erinnern uns daran, dass auch in der Schulzeit nicht immer Schule ist. Ich habe mir vorgenommen, diese Rhythmen stärker wahrzunehmen, indem ich versuchen werde, sie bewusster zu begehen und zu feiern. Den Feierabend an jedem Tag deutlich zu markieren, einzuhalten und – ja – dann auch zu feiern. Das Wochenende neu zu strukturieren, so dass es einen echten Sabbat, eine wirkliche Unterbrechung der Arbeit enthält. Auch im Schuljahr nach Festzeiten zu suchen und sie zu feiern: Das Kollegiumsgrillen diesen Freitag, die Feier nach dem Tag der Offenen Tür oder am letzten Tag vor den Weihnachtsferien, der Lehrerausflug, die Altstadttreffen bieten dazu tolle Gelegenheiten.

Ich habe mir auch vorgenommen, die unterschiedlichen Zeiten und Feste des Kirchenjahres bewusster wahrzunehmen und zu begehen. Sie bieten auch eine Chance dem Leben eine gute Mischung aus Stabilität und Dynamik zu geben. Ich habe festgestellt, dass es mir zunehmend wichtiger wird, all diese Rhythmen, des Jahres, der Monate, Wochen, Tage, der Festzeiten im Schuljahr wie im Kirchenjahr auch gottesdienstlich und liturgisch intensiv zu begehen und zu feiern. Deshalb sind mir die Andacht und Gottesdienste im Schuljahr so wichtig: Heute, am Beginn des neuen Schuljahres, montagsmorgens die Wochenstartandacht kurz vor dem Unterricht, die Frühschicht am letzten Schultag vor allen Ferien. Aber auch die ganz normalen Andachten, die am Mittwoch, mitten in der Woche, für eine kurze Unterbrechung der Schulwoche sorgen. Ich will versuchen sie als genau das erst zu nehmen und zu feiern.

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All das habe ich mir für dieses Schuljahr vorgenommen und lade Euch ein, mitzumachen! Ich weiß wohl, dass das viel leichter gesagt ist als getan. Aber vielleicht ist das Sagen auch gar nicht das Entscheidende. In dem Buch von Udo Schroeter habe ich eine Formulierung gelesen, die mich unmittelbar angesprochen und bewegt hat: „Gefühlt. Getan.“ Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung und zu einem neuen Tun. Die Rhythmen des Lebens fühlen und alles tun, um ihnen zu folgen. Beruflich und privat. Gottes Schöpfung macht es uns vor. So kann sich Fluch in Segen verwandeln.

In diesem Sinne: Ein gesegnetes Schuljahr!