Hausandacht im Haus der Landeskirche am 12. Juli 2021

Noah ging hinaus aus der Arche – mit seinen Söhnen, seiner Frau und den Frauen seiner Söhne. Dann kamen alle Tiere, alles, was kriecht und alle Vögel. Alles, was sich auf der Erde regt, zog nach Arten geordnet aus der Arche hinaus. Noah baute einen Altar für den Herrn. Von den reinen Tieren und den reinen Vögeln brachte er einige auf dem Altar als Brandopfer dar. Der Geruch stimmte den Herrn gnädig und er sagte zu sich selbst: »Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen. Denn von Jugend an haben sie nur Böses im Sinn. Nie wieder will ich alles Lebendige so schwer bestrafen, wie ich es getan habe. Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.«

(Genesis 8,18–22 / Basisbibel)

Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie Urlaubsreif sind Sie? Wenn 0 bedeutet: „Ich brauche überhaupt keinen Urlaub. Ich kann einfach durcharbeiten.“ Und 10: „Ich möchte (oder kann) eigentlich gar nicht mehr Arbeiten und brauche dringendst Urlaub.“ Hand aufs Herz! Wo befinden Sie sich auf dieser Skala? – Ich befinde mich zur Zeit so im oberen Mittelfeld, mein Urlaub beginnt aber auch am kommenden Wochenende. Aus den vergangenen Jahren kenne ich aber auch sehr viel höhere Werte… Ich arbeite wirklich gerne und ich liebe, was ich tue. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, und ich empfinde es als ein großes Glück, dass ich das tun kann, was ich gerne und mit großer Leidenschaft tue und damit mich und meine Familie ernähren kann. Gleichzeitig liebe ich auch den Urlaub und brauche zunehmend mehr davon als Ausgleich zu den Arbeitswochen und -monaten. Die Arbeit ist schön, aber manchmal auch – obwohl sie ja in einem Fall nicht so sehr körperliche Arbeit ist – in einem Maße Kräfte zehrend und anstrengend, wie Außenstehende es sich oft nicht vorstellen können. Wer also urlaubsreif ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, der hat alles Recht der Welt dazu.

Dass Arbeiten anstrengend ist und das Urlaubsparadies selten, das steht schon in der Bibel. Sie verbindet in der Schöpfungserzählung den Verlust des Paradieses mit der Mühsal der Arbeit. Gott sprach zu dem Mann: Der Erdboden soll deinetwegen verflucht sein! Dein Leben lang musst du dich abmühen, um dich von ihm zu ernähren. (Gen 3,17b) Ein Fluch, den Gott selber hier über das Verhältnis des Menschen zur Arbeit legt. Da ist der Burnout quasi göttlichen Ursprungs…

***

„Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir.“ Dieses Buch habe ich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Der Autor war früher Diakon und veranstaltet jetzt Erholungsseminare für Männer, bei denen er mit ihnen an einen einsamen Strand auf Bornholm campiert, Feuer macht, Angeln geht und redet. Von diesen Seminaren handelt das Buch. Einen kleinen Ausschnitt möchte ich gerne vorlesen:

Bei ihrer alltäglichen Arbeit kennen viele Männer ihre Grenzen leider nicht mehr. Wann ist es Zeit aufzuhören? Da springt kein Fisch aus dem Wasser, den man noch jagen könnte. Es ist (vielmehr) die E-Mail, die schnell noch beantwortet werden muss, ein dringender Kundenanruf, ein ausstehendes Angebot oder ein Akquise-Gespräch nach 19 Uhr. Die meisten Männer haben verlernt, sich selbst zu führen und auf sich aufzupassen. Sie springen beim nächsten Impuls direkt auf, sie werfen ihre Angel noch einmal aus, und dann noch einmal, und noch einmal… So lange, bis sie erschöpft zu Boden gehen. Sie sind ständig auf der Jagd, ohne gute Vorbereitung, ohne Rückbesinnung und ohne Erholung. Für diesen Rhythmus bezahlen sie einen hohen Preis. Viele leiden unter Schlafstörungen, innerer Unruhe, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Angst und Stress. Und jede dieser Diagnosen ist der Ausdruck eines Lebens, das schon über längere Zeit nicht mehr in der Balance ist. Ein Leben, das keinen Ausgleich mehr kennt.

(Udo Schroeter: Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir, München 2019, 118f)

Diese Stelle hat mich unmittelbar angesprochen. Nicht nur, weil ich die beschriebenen Symptome kenne. Vor allem, weil ich schon lange und immer wieder neu nach der Balance suche, von der hier die Rede ist: Ausgleich, um Rhythmus und Balance. Udo Schroeter nutzt das Meer, um die Männer in seinen Seminaren dafür zu sensibilisieren. Mich er damit an einen Mann erinnert, auf den der Titel „Ein Mann, ein Meer“ auch in gewisser Weise zutrifft: Noah. – Von ihm sagt die Bibel: Noah wird uns trösten bei unserer Arbeit und Mühe auf dem Ackerboden, den der Herr verflucht hat. (Gen 5,29) Ausgerechnet in Noah wird uns ein Trost gegenüber dem Fluch der Arbeit verheißen. – Wie das denn?! Nun, die entsprechende Stelle haben wir eingangs gehört: Der Geruch (von Noahs Opfer) stimmte den Herrn gnädig und er sagte zu sich selbst: »Nie wieder will ich die Erde wegen der Menschen verfluchen. (…) Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« (Gen 8, 21f)

Hier wird dem Fluch, den Gott über das Verhältnis des Menschen zur Arbeit gelegt hat, ein Segen entgegengestellt. Der Segen zeigt sich im Rhythmus der Natur: Es sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das heißt zunächst ganz simpel: Das Leben besteht nicht nur aus Saat, sondern auch aus Ernte. Aus Frost wie aus Hitze, aus Sommer wie aus Winter, aus Tag wie aus Nacht. Nicht im „entweder – oder“, sondern im „sowohl als auch“ liegt der Segen Gottes, der sich in den Rhythmen der Natur zeigt. Für den Umgang mit der Mühsal der Arbeit bedeutet das für mich aber auch, die Rhythmen des Lebens wahr- und ernst zu nehmen. Nicht nur im Großen, die Jahresrhythmen zwischen Arbeit und Urlaub. Sondern besonders im Kleinen, die Rhythmen der Monate, der Wochen und der Tage. Sie erinnern uns daran, dass auch in der Arbeitszeit nicht immer Arbeit ist. Ich habe mir vorgenommen, diese Rhythmen stärker wahrzunehmen, indem ich versuchen werde, sie bewusster zu begehen und zu feiern. Den Feierabend an jedem Tag deutlich zu markieren, einzuhalten und – ja – dann auch zu feiern. Das Wochenende neu zu strukturieren, so dass es einen echten Sabbat, eine wirkliche Unterbrechung der Arbeit enthält. Auch in den Monaten ohne Urlaub nach Festzeiten zu suchen und sie zu feiern: Geburtstage und Jahrestage, Betriebsausflüge und Treffen mit Kolleginnen und Kollegen (wenn sie denn bald hoffentlich wieder möglich sind), Stadtteilfest und Kirmestage.

Ich habe mir auch vorgenommen, die unterschiedlichen Zeiten und Feste des Kirchenjahres bewusster wahrzunehmen und zu begehen. Sie bieten auch eine Chance dem Leben eine gute Mischung aus Stabilität und Dynamik zu geben. Ich habe festgestellt, dass es mir zunehmend wichtiger wird, all diese Rhythmen, des Jahres, der Monate, Wochen und Tage auch gottesdienstlich und liturgisch intensiv zu begehen und zu feiern.Deshalb sind mir die kurzen Andacht in der Woche so wichtig: Die Hausandacht am Beginn der neuen Woche, die 10-Minuten-Andachten abends in der Johanneskirche, TE DEUM am Freitag – die Wochenschlussandacht der Geistlichen Gemeinschaft, der ich angehöre. Sie bieten eine kurze Unterbrechung der Arbeitswoche. Ich versuchen sie als genau das ernst zu nehmen und zu feiern.

***

Ich weiß wohl, dass das dann oft leichter gesagt ist als getan. Aber vielleicht ist das Sagen auch gar nicht das Entscheidende. In dem Buch von Udo Schroeter habe ich eine Formulierung gelesen, die mich unmittelbar angesprochen und bewegt hat. Sie lautet:

Gefühlt. Getan.

(Udo Schroeter: A.a.O., 142)

Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung und zu einem neuen Tun. Die Rhythmen des Lebens fühlen und alles tun, um ihnen zu folgen. Beruflich und privat. Gottes Schöpfung macht es uns vor. So kann sich Fluch in Segen verwandeln. Es sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. In diesem Sinne: Eine gesegnete Arbeitswoche!