Andacht für das Kollegium des Theodor-Fliedner-Gymnasiums
zum Beginn des Schuljahres 2018/2019

Was seid ihr denn so für Pack-Typen? – Also ich meine: Wie packt ihr für den Urlaub? – Mit Packliste, die schon lange vorher erstellt, regelmäßig aktualisiert und peinlich genau eingehalten wird, damit am Ende auch ja nichts fehlt? – Dieser Pack-Typ ist meine Frau. – Oder seid ihr mehr so der Typ „Koffer auf und rein, was gerade so in Reichweite ist und irgendwie sinnvoll erscheint“. – Dieser Pack-Typ bin ich. – (Meine Frau und ich packen deshalb auch niemals gemeinsam unsere Koffer.) Vielleicht seid ihr aber auch der Pack-Typ meiner Tochter: Eigentlich muss alles mit, speziell alle Kuscheltiere, weil in 14 Tagen auf nichts verzichtet werden kann. (Hier sind meine Frau und ich mehr mit Aus- als mit Einpacken beschäftigt.)

Was seid ihr für Pack-Typen?

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Ich habe in diesen Sommerferien zwei ganz gegensätzliche Erfahrungen mit dem Packen gemacht. Zunächst – für unseren Familienurlaub – haben wir gepackt wie gerade beschrieben. Als wir vor der Ferienwohnung ausgeladen haben, fragte eine Passantin, ob wir dabei seien umzuziehen. Denn genau so sah es aus. Am Ende war es dann wie jedes Jahr. Meine Frau hatte zu viel dabei, meine Tochter hat tausend Dinge vermisst und ich hatte die falschen Sachen eingepackt. Nur mein Sohn war mit Handy und Fußball total zufrieden. Direkt nach unserem Familienurlaub stand für mich das Packen für den portugiesischen Jakobsweg an. Was brauche für 15 Tage, das sich im Rucksack über 280 Kilometer tragen lässt? Rucksack auf und rein, was gerade so in Reichweite ist und irgendwie sinnvoll erscheint, war jetzt keine Option mehr. Ich musste methodisch vorgehen. Also habe ich alles zusammengesucht, was mir irgendwie sinnvoll erschien und dann drei Haufen gemacht: 1. Was ich in jedem Fall brauche. 2. Was ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht brauchen werden. 3. Was ich vielleicht brauchen könnte. Zwei der Haufen waren klein und übersichtlich. Einer war riesengroß: Haufenweise Zeug lag bei „Vielleicht“. Das hat mir echt zu schaffen gemacht. Ich wollte einen leichten Rucksack. Ich wollte aber auch für alle Eventualitäten gerüstet sein, die vielleicht auftreten könnten.

Vielleicht.

Allein das Wort: Viel-leicht. Total widersinnig. Viel und leicht, dem mittelhochdeutschen Ursprung nach „sehr leicht“. Das Gegenteil ist der Fall – ich hab das mit der Küchenwage im Einzelnen überprüft: Viel, was für sich genommen leicht ist, ist in der Masse dann doch ganz schön schwer. Zumal in einem Rucksack über 280 Kilometer. Viel-leicht ist ganz schön schwer!

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Andere Sprachen treffen das Problem deutlich besser: peut-être oder may-be. Plötzlich ist das „Vielleicht“ gar kein Pack-Problem mehr, sondern eine Frage der Lebenseinstellung und des Lebensgefühls. Denn zwischen „brauche ich in jedem Fall“ und „werde ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht brauchen“ liegen unendlich viele Möglichkeiten und Eventualitäten, vor allem aber Unsicherheiten und Ängste:

Könnte hilfreich sein bei…

Wäre notwendig, wenn…

Müsste man haben, falls…

Niemand von uns weiß, was die Zukunft bringt, ja nicht mal, welche Herausforderungen der nächste Tag an uns stellt. Da ist es ein gutes Gefühl für alles Mögliche gewappnet zu sein. Die vielen Dinge, die ich am liebsten in meinen Rucksack gestopft hätte, aber auch all die Dinge, die wir in unseren Häusern, Kellern, Dachböden und Garagen haben, letztendlich auch viele Termine, Aufgaben, Kontakte, Verpflichtungen, Gewohnheiten, sind der Versuch der Absicherung für eine ungewisse Zukunft. All diese Dinge sind schwer, nehmen viel Raum ein, kosten Zeit, binden Kraft und Energie und machen uns Sorgen und Mühe. Das Viel-leicht unseres Lebens ist ganz schön schwer…

Das wusste offenbar auch Jesus, als er seine berühmte Bergpredigt hielt:

Wer von euch kann durch Sorgen sein Leben auch nur um einen Tag verlängern?

Und warum macht ihr euch Sorgen um das, was ihr anziehen sollt? Seht, wie die Blumen auf den Feldern wachsen! Sie arbeiten nicht und machen sich keine Kleider, doch ich sage euch: Nicht einmal Salomo bei all seinem Reichtum war so prächtig gekleidet wie irgendeine von ihnen. Wenn Gott sogar die Feldblumen so ausstattet, die heute blühen und morgen verbrannt werden, wird er sich dann nicht erst recht um euch kümmern? Habt ihr so wenig Vertrauen?

(Mt 6,27f)

Zwei Dinge finde ich bemerkenswert: Da sind zunächst die Blumen auf den Feldern. Ein eindrucksvolles Bild für die Leichtigkeit des Seins und den von Gott geschenkten Reichtum in der Natur. Aber es steckt noch mehr dahinter. Bei Lukas handelt es sich bei den Blumen um Lilien. Im Griechischen ist das ein Teekesselchen. Zwei Worte mit gleichem Klang und gleicher Schreibweise aber ganz unterschiedlicher Bedeutung. „Krinon“ das ist eine Blume, die Lilie. „Krinon“ das ist aber auch das griechische Wort für Kritik, Unterscheidung, aber auch für Entscheidung und Entschluss. Wenn Jesus sagt, „Seht, wie die Lilien auf den Feldern wachsen!“, dann kann das auch heißen: Seht euch die Entscheidungen an, wieviel Kraft zur Veränderung sie mit sich bringen. Lasst nicht zu, dass das Vielleicht euer Leben bestimmt! Seid wie die Lilien. Trefft eine Entscheidung: „Brauche ich in jedem Fall“ oder „Werde ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht brauchen“? Kein Viel-leicht, weil es viel zu schwer ist!

Das ist hart. Denn mit dem Vielleicht wirft Jesus unsere Absicherung für die Eventualitäten und Unwägbarkeiten der Zukunft über Bord. Für ihn gibt es im Blick auf das viele Vielleicht nur eine Frage:

Habt ihr so wenig Vertrauen?!

Vertraut darauf, dass ihr die entscheidenden Dinge haben werdet, wenn ihr sie braucht, selbst, wenn ihr sie nicht in euren im Rucksack gepackt habt. Vertraut darauf, dass ihr die wirklich wichtigen Termine, Aufgaben, Kontakte, Verpflichtungen und Gewohnheiten erkennen werdet, wenn es soweit ist. Vertraut darauf, dass euer Leben letztendlich nicht von eurer Weitsicht und eurer Planung abhängt. Gott sorgt dafür, dass die Dinge da sind, die ihr zum Leben braucht, wenn ihr sie braucht.

Vergesst das Vielleicht.

Habt Vertrauen!

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Was seid ihr für Pack-Typen, liebe Kolleginnen und Kollegen? Was habt ihr eingepackt für das neue Schuljahr. Was habt ihr geplant? Was ist noch drin in der Tasche aus dem letzten Jahr oder gar aus den Jahren davor? Was schleppt ihr noch mit? Was seid ihr für Pack-Typen? – Nach den Erfahrungen, die ich beim Packen für den Jakobsweg und dann immer wieder unterwegs gemacht habe, steht für mich fest, dass ich in diesem Schuljahr versuchen werde, ganz bewusst zu packen. Nicht nur die Tasche oder den Rucksack. Auch den Kalender und das Adressbuch. Vor allem aber die Wochentage und die Wochenenden. – Ja letztlich: Mein Leben. – Mit dem, was ich in jedem Fall brauche. Möglichst ohne Viel-leicht. Dafür mit viel Vertrauen.

Macht doch mit!