Andacht im Haus der Landeskirche zum Gedenktag des Evangelisten Markus
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan? – Wann waren Sie zum letzten Mal Anfängerin oder Anfänger in einer Sache? Ich war zum Beispiel kürzlich zum ersten Mal Beifahrer in meinem Auto, während meine Tochter am Steuer saß. – Ich kann Ihnen sagen, da ist noch Entwicklungspotenzial. – Bei mir als Beifahrer! Das war schon eine besondere Erfahrung. Ein Neuanfang, bei dem ich nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnte. Natürlich kann ich andere fragen, die das schon erlebt und gemacht haben. Meinen Vater zum Beispiel. Bei dem war auch noch viel Entwicklungspotenzial als Beifahrer in seinem Auto mit mir am Steuer. Wenn ich etwas neu anfange, dann gibt es immer viele Expertinnen und Experten, die das schon kennen und können. Aber bei in meinem Leben bin ich halt der erste. Ganz sicher kennen Sie das auch…
Da macht es Sinn, sich ein bisschen biblischen Rat einzuholen. Von einem legendären Anfänger. Der Evangelist Markus ist ja ein echter Anfänger im Aufschreiben des Evangeliums. Er ist – soweit wir wissen – der erste, der das gemacht hat. Ich stelle mir das ziemlich schwer vor. Bekanntlich ist ja beim Schreiben der Anfang besonders schwer. Vor einem weißen Blatt sitzend den richtigen Anfang zu finden, ist eine echt Herausforderung. Vielleicht sogar eine Überforderung. Wie macht Markus das?
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Er schreibt:
Anfang des Evangeliums von Jesus Christus,
dem Sohn Gottes.(Markus 1,1)
Inhaltlich sehr naheliegend. In der Form aber ziemlich auffällig. Haben Sie es gemerkt? Es fehlt der Artikel. Im griechischen Urtext steht nicht „der Anfang des Evangeliums“ sondern schlicht „Anfang des Evangeliums“. Der Artikel fehlt. Für die anwesenden Neutestamentler*innen: Ich weiß, dass das in Überschriften und an Satzanfängen nicht unüblich ist und vielleicht an die Artikel lose Zeit des Griechischen erinnert. Dennoch: Man kann „Anfang“ hier auch unbestimmt übersetzen. Dann heißt die Stelle: Ein möglicher Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Vielleicht war Markus ja auch nicht so ganz sicher, was den Anfang seines Evangeliums betrifft. Immerhin unterscheiden sich die vier Evangelien ja gerade in ihren Anfängen stark voneinander. Matthäus beginnt das Evangelium mit dem Stammbaum Jesu. Lukas beginnt mit der bekannten Geschichte der Geburt. Johannes macht es ganz anders und beginnt mit einem Loblied auf das göttliche Wort. Es gibt also tatsächlich mehrere mögliche Anfänge für das Evangelium von Jesus Christus. –
Eine gute Nachricht für alle Anfängerinnen und Anfänger: Auch in unserem Leben gibt es nicht den einen, einzigen richtigen Anfang. Es gibt nicht den einen, einzigen richtigen Weg. Es gibt viele Möglichkeiten anzufangen und viele Wege, die zum Ziel führen. Markus hat es vorgemacht. Er macht einen Anfang. Nicht den Anfang und schon gar nicht den einen Anfang. Das ist – meine ich – eine erste wichtige Beobachtung.
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Die zweite Beobachtung ist: Markus macht einen Anfang. Er bleibt nicht starr vor Angst vor dem weißen Blatt sitzen. Er macht einen Anfang, weil er weiß, dass es noch andere geben könnte. Dass er vielleicht später noch einen besseren Anfang findet. Dass er immer wieder neu anfangen kann. Das ist noch eine gute Nachricht für alle, die etwas Neues anfangen wollen, oder müssen: Kein Anfang ist vergebens und kein Weg ist unumkehrbar falsch. Ihr könnt euch auf die manchmal verschlungenen und unsicheren Wege des Lebens einzulassen, weil immer wieder neue Anfänge möglich sind. Auch davon schreibt Markus am Anfang seines Evangeliums:
Jesus kam nach Galiläa
und predigte das Evangelium Gottes
und sprach:Die Zeit ist erfüllt,
und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Tut Buße und glaubt an das Evangelium!(Markus 1,15)
Jesus ruf uns zu: Macht einen Anfang. Wenn nötig: Kehr um. Habt Vertrauen. Glaubt an das Evangelium!
Das ist übrigens auch eine gute Nachricht für Leute, die Ihre Kinder bei ihren vielen Anfängen begleiten: Wir können sie vertrauensvoll loszulassen, wenn es an der Zeit ist. Ihnen das Steuer überlassen. Und so in neuer Weise für sie da zu sein…
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Es gibt noch eine dritte Beobachtung am Text von Mk 1,1: Wir wissen ja gar nicht, ob der Anfang, der jetzt im Markusevangelium steht, der Anfang ist, der am Anfang dort stand. Viel wahrscheinlicher ist, dass Markus während des Schreibens viele verschiedene Anfänge ausprobiert hat. Das habe ich von Benedict Wells gelernt. Der hat ein tolles kleines Buch geschrieben: Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben. Darin erzählt er, wie er zum Schreiben gekommen ist. Im zweiten Teil geht es dann um den Prozess des Schreibens, d.h. vor allem des Überarbeitens. Und damit auch um den Anfang. Von ihm habe ich gelernt: Der Anfang, der jetzt im Markusevangelium steht, ist höchstwahrscheinlich der Anfang, den Markus ganz zum Schluss an den Anfang gesetzt hat. – Es ist der Anfang, der zum Schluss passt. Den richtigen Anfang kann man ja erst kennen, wenn man den Schluss kennt, und weiß, wie es ausgeht.
Hier wird es für uns und unser Leben jetzt schwierig. Wir kennen unseren Schluss noch nicht. Wir wissen nicht, wohin uns die Wege führen, die wir heute beginnen. Wir wissen nicht, welche Höhen und Tiefen sie bereithalten. Wir wissen nicht zu welchen Zielen sie letztendlich führen.
Das Gute ist: Das macht nichts! Denn wir haben ja Markus mit seinem Evangelium. Als Christinnen und Christen gehen wir davon aus, dass der Schluss des Evangeliums für unsere Anfänge entscheidend ist. Markus macht in seinem Evangelium ein großes Geheimnis um Jesus Christus. So ziemlich alle bleiben im Ungewissen über diesen Menschen und seine Mission. Erst ganz am Schluss, 16 Verse vor dem Ende, wird das Rätsel gelöst. Nachdem Jesus am Kreuz gestorben ist, sagt ein römischer Hauptmann:
Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.
(Markus 15,39)
Hier erst wird nachvollziehbar, wie Markus zu seinem Anfang gekommen ist: Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, kann nur wissen, wer das Ende kennt.
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Auch das ist eine gute Nachricht für alle Anfängerinnen und Anfänger. Ja, es ist die beste Nachricht überhaupt. Es ist das Evangelium! – Gott ist an deiner Seite. Denn Jesus ist die Gegenwart Gottes in Person. Das heißt:
Wenn du weggehst, ist ER da. Und wenn du heimkehrst, ist ER da.f
ER ist da, wenn du dein Glück in die Welt hinausschreien könntest.
ER ist da, wenn du im Meer der Traurigkeit zu ertrinken drohst.
In allen Anfängen deines Lebens ist ER da.
Und wenn du ans Ziel kommst, ist ER da.
ER ist der Weg und das Ziel.
Darum, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie das nächste Mal etwas zum ersten Mal tun: Machen Sie einen Anfang, auch wenn Sie nicht ganz sicher sind, ob es der richtige ist. Machen Sie einfach erstmal einen Anfang. Wenn es sein muss, können Sie nochmal einenneuen Anfang machen.Vertrauen Sie dem Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes!