Predigt in der Osternacht der Evangelischen Kirchengemeinde Meiderich*
Der Sabbat war vorüber.
Da kamen ganz früh am ersten Wochentag
Maria aus Magdala und die andere Maria.
Sie wollten nach dem Grab sehen.
Plötzlich gab es ein heftiges Erdbeben,
denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab.
Er ging zum Grab, rollte den Stein weg
und setzte sich darauf.
Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz,
und sein Gewand war weiß wie Schnee.
Die Wachen zitterten vor Angst
und fielen wie tot zu Boden.Der Engel sagte zu den Frauen: »Fürchtet euch nicht!
Ich weiß: Ihr sucht Jesus, der gekreuzigt wurde.
Jesus ist nicht hier.
Gott hat ihn von den Toten auferweckt,
wie er es vorausgesagt hat.
Kommt her und seht:
Hier ist die Stelle, wo er gelegen hat.Jetzt geht schnell zu seinen Jüngern!
Sagt ihnen: ›Jesus wurde von den Toten auferweckt.‹
Er geht euch nach Galiläa voraus.
Dort werdet ihr ihn sehen.
Auf diese Botschaft könnt ihr euch verlassen.«Die Frauen waren erschrocken und doch voller Freude.
Schnell liefen sie vom Grab weg,
um den Jüngern alles zu berichten.(Matthäus 28,1–8)
(DS:) Zwei Frauen, zweimal Maria – natürlich sind es zwei Frauen, die all ihren Mut zusammenraffen, welcher ihnen bei den Schrecken der vergangenen Tage noch als kleiner Rest geblieben ist. Sie machen sich auf. Einmal nach dem Grab sehen – im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“, was geschehen ist. Den Stein fühlen – das Ende fühlen und die bittere Wahrheit akzeptieren.
Wieder etwas Boden unter die Füße bekommen, um, wie auch immer, nächste sichere Schritte gehen zu können. Dazu aber wollen sie sich mit dem Unausweichlichen konfrontieren. Doch noch vor der Ankunft am Grab werden sie jäh in ihren unsicheren Schritten gestoppt. Donner, Blitz, Krachen – Begleiterscheinung eines heftigen Erdbebens, das in ihre eh schon zerrüttete Welt einbricht – und sicher noch mehr zur Erschütterung beiträgt und ihnen ein weiteres Mal den Boden unter den Füßen wegzieht.
Die Wachen am Grab hat es auf jeden Fall voller Angst niedergestreckt. Und auch die beiden Frauen werden angesichts einer strahlend weißen Erscheinung, die mal eben den tonnenschweren Stein wegrollt und sich daraufsetzt – fast schon eine Siegerpose – zwischen Zittern, Furcht, Lähmung und einer gewissen Faszination über dieses Erlebnis, hin- und hergerissen sein. Das Heilige, werden sie gleich entdecken, bricht in ihre Welt ein …. Lässt sie staunen, hören und sehen.
***
Und heute? Heute feiern wir Osternacht. Donner, Blitz, Krachen haben stattgefunden und lassen uns das Echo bis heute hören. Gegen alle Unsicherheit, gegen alle Sprachlosigkeit, gegen den zittrigen Gang. Das Heilige ist bei uns eingebrochen – und erschreckt und fasziniert uns gleichermaßen.
So wie die Flammen unseres Feuers faszinierend und beängstigend zugleich sind. Es brennt, scheint hell, strahlt Hitze aus, die Schatten tanzen. Was sollen wir tun? Auf jeden Fall genau hinhören, so wie die Frauen es tun ….
Und dann hören wir von dieser weißen Erscheinung die wunderbaren, beruhigenden, Mut machenden, aufrüttelnden Worte, die Jesus selbst so oft gesagt hat: „Fürchtet euch nicht!“ – Welch ein Kontrast.
Und wir hören von Jesus, der nicht mehr im Grab ist. Wir hören, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Wir hören vom leeren Grab.
„Und jetzt“, sagt der Engel, „verteilt die Botschaft: ‚Jesus lebt! Verlasst euch drauf!‘ “.
Erschrocken – und doch voller Freude. Lasst uns gehen.
Als die Frauen auf dem Weg zu den Jüngern waren,
da kam ihnen Jesus selbst entgegen
und sagte: »Seid gegrüßt!«Sie gingen zu ihm, berührten seine Füße
und warfen sich vor ihm zu Boden.Da sagte Jesus zu ihnen: »Fürchtet euch nicht!
Geht und sagt meinen Brüdern,
sie sollen nach Galiläa gehen.
Dort werden sie mich sehen.«(Matthäus 28,9f)
(DS:) Aus der Schnappatmung werden die Frauen wohl nicht mehr herauskommen, das steht zu befürchten. Erst die Ereignisse der vergangenen Tage. Dann das faszinierend erschreckende Erlebnis am Grab. Der sich anschließende Lauf zurück zu den Jüngern.
Und jetzt? Jäh gestoppt, mitten im Lauf. – „Seid gegrüßt!“ Worte einer Stimme, deren Wohlklang sie so sehr vermisst hatten. Ja, befürchtet, dass sie sie nie wieder in ihrem Leben hören werden.
„Seid gegrüßt!“ – fast schon ein bisschen beiläufig. Eine Begegnung – wie bei einem Sonntagsspaziergang draußen im Park; man kennt sich, man grüßt sich. Und man setzt seinen Weg fort.
Doch hier? Eine Vollbremsung können wir uns vorstellen. Und ein erneutes – Erschrecken? Erbeben? Boden unter den Füßen verlieren? Inneres Donnern, Blitzen, Krachen?
Und sie begreifen. Der, der ihnen da begegnet, sie anspricht und grüßt, ist plötzlich greifbar. Nicht durch den Tod von ihnen getrennt. Nicht im Grab versenkt und ihnen weggenommen. Nicht aus dem Grab entschwunden und trotzdem nicht da.
Sie be-greifen, im wahrsten Sinne des Wortes. Gehen hin, wenden sich ihm zu; bücken sich, machen sich klein, entdecken das Wunder. Berühren – und werden berührt. Von der Situation, vom Augenblick, von der plötzlichen Erkenntnis, von der Gegenwart: das ist Jesus!
Plötzlich wird alles Erlebte – alles Zerstörerische, alles Beben und Zagen, alles Blitzen und Donnern, alles, was bis zum morgendlichen Aufstehen ihre Welt bestimmt hat – über Bord geworfen. Da können sie sich nur noch auf den Boden werfen. Und Jesus alle Ehrerbietung, die ihnen möglich ist, entgegenbringen.
Und dieser Gegenwärtige spricht sie mit genau diesen wohltuenden Worten an, die sie noch einmal berühren und begreifen lassen: „Fürchtet euch nicht!“
„Fürchtet euch nicht!“ – auch wenn Ängste euch gefangen halten.
„Fürchtet euch nicht!“ – ihr werdet vom Wort getragen.
„Fürchtet euch nicht!“ – denn ihr werdet in einen neuen Tag gesandt.
Und dieser Tag ist jetzt. ‚Geht weiter!‘, sagt Jesus. ‚Erzählt von euren Erlebnissen. Macht euch auf zu neuen Erlebnissen und Erfahrungen, lasst euch überraschen – und berühren.‘ Von seiner Gegenwart – von seinem Licht.
Während die Frauen noch auf dem Weg waren,
liefen einige der Wächter in die Stadt.
Sie meldeten den führenden Priestern alles,
was geschehen war.Diese fassten gemeinsam mit den Ratsältesten
einen Beschluss über das weitere Vorgehen:
Sie gaben den Soldaten viel Geld
und forderten sie auf: »Erzählt allen:
›Seine Jünger sind in der Nacht gekommen.
Als wir schliefen, haben sie den Leichnam gestohlen.‹
Wenn Pilatus davon hört, werden wir mit ihm sprechen.
Wir werden dafür sorgen,
dass ihr nichts zu befürchten habt.«Die Soldaten nahmen das Geld
und erfüllten ihren Auftrag.
So ist dieses Gerücht entstanden,
das sich bis heute bei den Juden hält.(Matthäus 28,11–15)
(SF:) Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein mit dem leeren Grab. Die Botschaft von der Auferweckung Jesu war von Anfang an umstritten und wurde angezweifelt.
Hier dient der Zweifel nicht der Suche nach der Wahrheit. Er wird gezielt genutzt, um Machtinteressen umzusetzen. Die Aussagen der Wachen werden zurechtgebogen, Bilder manipuliert, Schlagzeigen generiert. Alternative Wahrheit. Jesu Botschaft war eine Gefahr für die Mächtigen und Einflussreichen: Ihre Geschäfte rund um den Tempel. Ihre Verbindungen zur römischen Besatzungsmacht. Es ging nicht um Religion und Glaube, sondern um Macht und Einfluss. Zweifel wurden gesät, ein Skandal inszeniert.
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So etwas funktioniert. Damals wie heute. Mit fatalen Folgen: Gerüchte gehen um, Vorurteile verfestigen sich, Feindbilder entstehen. Es wachsen Antisemitismus, Rassismus, Gewalt und Tod.
Der Bibeltext selbst hat daran mitgewirkt. Leider. Die Juden. Alle Juden. Anhänger von Gerüchten und Unwahrheiten. Die Juden. Alle Juden. Wollten nicht glauben. Wollten nicht verstehen. Die Juden. Alle Juden. Haben Jesus abgelehnt, verfolgt und getötet. Historisch ist das falsch. Theologisch ist das auch falsch. Schlicht falsch. Punkt.
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Dunkel ist die Osternacht. Religion und Glaube können manipuliert und instrumentalisiert werden. Das Christentum kann manipuliert und instrumentalisiert werden.
Dunkel ist die Osternacht. Rechte Bewegungen in den USA. Rechte Bewegungen hier bei uns. Missbrauchen den christlichen Glauben. Missbrauchen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer. Für ihre Ideologien und Zwecke.
Dunkel ist die Osternacht. Wo ist Licht? Wo gibt es Schatten? Wohin weist uns Jesus Christus, das Licht der Welt?
Die elf Jünger gingen nach Galiläa.
Sie stiegen auf den Berg,
wohin Jesus sie bestellt hatte.
Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder.
Aber einige hatten auch Zweifel.(Matthäus 28,16f)
(SF:) Ausgerechnet Galiläa. Da kamen sie doch her. Da waren sie zu Hause. Am See Genezareth lagen die Fischerboote ihrer Väter. Da hatten sie alles stehen und liegen lassen, um diesem Wanderprediger zu folgen. Da hatten sie ihre Familien verlassen, ohne sich zu verabschieden.
Galiläa. Da waren sie mit Jesus von Dorf zu Dorf gezogen. Da hatte sich die Botschaft verbreitet. Da berührten sich Himmel und Erde.
Galiläa. Da war Jesus auf einen Berg gestiegen und hatte sie unterrichtet. Da waren aus Worten der Bibel Ereignisse geworden: Blinde konnten sehen, Lahme konnten gehen, Aussätzige wurden rein und Taube konnten hören. Tote wurden lebendig und die Armen hörten die Gute Nachricht.
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Galiläa. Sie waren zurück. In Galiläa. Auf dem Berg. Zurück am Anfang. Da steht er plötzlich vor ihnen. Ihr Freund und Lehrer. Jesus. Er lebt! Das kann nicht sein. Das ist nicht möglich. Das können sie nicht glauben. Doch er stand da. Lebendig. – Trotzdem hatten sie Zweifel.
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Was für ein Glück für uns. Die Zweifel der Jünger. Dann dürfen auch wir Zweifel haben. Schließlich haben wir ihn nicht persönlich gekannt. Haben wir die Worte nicht gehört und die Taten nicht miterlebt. Sind wir ihm nicht in Galiläa auf dem Berg begegnet. Ja, wir dürfen Zweifel haben.
Beim Glauben gibt es keine Sicherheit. Beim Glauben gibt es keine Eindeutigkeit. Beim Glauben gibt es keine Beweise. Beim Glauben ist es wie vor einem tiefen Abgrund, über den es eine unsichtbare Brücke geben soll. Die Brücke kann nicht sichtbar gemacht werden. Es gibt keinen Beweis für ihre Existenz. Der Zweifel ist berechtigt.
Es gibt nur eine Möglichkeit, um herauszufinden, ob sie da ist, diese Brücke: Wir müssen sie betreten. Wir müssen den Schritt ins Ungewisse wagen, um zu erleben, ob sie uns trägt. Wir müssen losgehen, ohne zu wissen, was passieren wird. Das ist Glaube.
Jesus kam zu ihnen und sagte:
»Gott hat mir alle Macht gegeben,
im Himmel und auf der Erde.
Geht nun hin zu allen Völkern
und ladet die Menschen ein,
meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.
Tauft sie im Namen
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!
Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe!(Matthäus 28,18–20a)
(SF:) Jesus spricht von Macht: Gott hat Macht über den Himmel und die Erde. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Alle kann werden, wie es nach Gottes Willen sein soll. Gottes Macht ist in den Schwachen und Zweifelnden mächtig.
Gottes Macht erscheint in Jesus Christus. Im Stall von Bethlehem. In den Straßen und Häusern von Galiläa. In Jesu Leiden, seiner Verzweiflung, in seinem Tod.
Gottes Macht ereignet sich am Ostermorgen. In Jesu Auferweckung von den Toten. Im Sieg des Lebens.
Der Christus Jesus hat alle Macht im Himmel und auf der Erde. Das ist die Wahrheit des christlichen Glaubens!
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Jesus spricht von seiner Macht. Seine Macht orientiert sich nicht an den Starken und Einflussreichen. Sie braucht keine Bestechung oder Manipulation. Sie droht nicht und zwingt niemanden. Jesu Macht lädt ein. Er lädt ein. Die Jünger. Und alle anderen. Und mehr noch: Er macht sie zu Einladenden.
Die Zweifelnden auf der unsichtbaren Brücke des Glaubens sollen nun andere einladen, mitzukommen. Die gerade selbst noch lernen, wie es geht, sollen andere einladen, mit ihnen zusammen zu lernen. Ein genialer Gedanke: Christliche Glaube als Lerngemeinschaft auf dem Weg. Oder: Weggemeinschaft im Lernen. Da können wir von unserem Glauben und von unseren Zweifeln erzählen und uns gegenseitig Mut machen. Da können wir zu unseren Schwächen stehen und unsere Stärken nutzen. Da können wir Gerüchte, Fake-News und Vorurteile aufdecken und ihnen die Wahrheit der Liebe entgegensetzen.
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In der Osternacht kommt Jesus uns entgegen. Auf der unsichtbaren Brücke des Glaubens gibt er uns ein Geländer, an dem wir uns festhalten können: Das Licht der Osterkerze. Die Worte des Evangeliums. Die Feier des Abendmahls. In der Osternacht lädt Jesus uns ein zum Fest des Glaubens.
Jesus Christus spricht:
Seid gewiss: Ich bin immer bei euch,
jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«(Matthäus 28,20b)
(SF:) Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!
Christ ist erstanden von der Marter alle;
des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen;
seit dass er erstanden ist,
so lobn wir den Vater Jesu Christ. Kyrieleis.Halleluja, Halleluja, Halleluja!
Des solln wir alle froh sein,
Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.(EG 99)
* Die Predigtteile stammen von Dirk Strerath (DS) und Sascha Flüchter (SF).