Predigt im Weihnachtsgottesdienst für die Oberstufe am Theodor-Fliedner-Gymnasium

2018 bin ich in den Sommerferien den Jakobsweg gegangen. Tagsüber war es wahnsinnig heißt. Deshalb bin ich morgens immer sehr früh losgelaufen. An einem Morgen ging ich noch im Dunkeln eine Straße entlang, auf der in einiger Entfernung eine alte Frau stand. Mitten auf der Straße. Ich dachte, dass sie vielleicht darauf wartete abgeholt zu werden. Als ich freundlich grüßend an ihr vorübergehen wollte, fragte sie: „Caminho de Santiago?“ und deutete in den kleinen Weg, der nach rechts von der Straße abging. Jetzt erst sah ich, dass die Pfeile dorthin zeigten und nicht geradeaus. Als ich mich umdrehte, um mich nochmal zu bedanken, war die Frau bereits in einer Hofeinfahrt verschwunden. Irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass sie einzig aus dem Grund auf der Straße gestanden hatte, um mich davor zu bewahren, in der Dunkelheit den Abzweig nicht zu verpassen. – Ein Engel auf der dunklen Straße.

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In der Bibel ist es gar nicht so selten, dass Engel sich Menschen in den Weg stellen, um zu verhindern, dass sie weitergehen und damit den falschen Weg einschlagen. Auch in der Weihnachtsgeschichte ist das so. Allerdings nicht in der bekannten Version von Lukas, sondern in der von Matthäus. Da kommen Engel vor, die für eine Kurskorrektur sorgen.

Der erste, dem bei Matthäus ein Engel begegnet ist Josef. Der ist auf dem besten Weg seine Verlobte heimlich zu verlassen. Denn von wem auch immer sie schwanger ist, er kann der Vater nicht sein. Verlobte haben keinen Sex und er hatte sich daran gehalten. Sich von Maria zu trennen, ohne Aufsehen zu erregen, scheint ihm der beste Weg zu sein. Wie stünde er sonst da? Er muss sie verlassen. Es ist der einzige Weg! – Der Engel sieht das anders. Er stellt sich Josef in den Weg und verhindert, dass er sie verlässt. Im Traum spricht der Engel zu ihm:

Josef, du Nachkomme Davids,
fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.
Denn das Kind, das sie erwartet, ist aus dem Heiligen Geist.

Matthäus 1,20

Definitiv nicht der leichteste Weg mit der Situation umzugehen. Nicht zuerst an sich zu denken, sondern an sie – und das Kind. Bei ihr zu bleiben. Ihr zu helfen. Für sie und das Kind da zu sein. Im Vertrauen zu Gott. – Aus Liebe zu Maria!

Die zweiten, denen in der Weihnachtsgeschichte des Matthäus ein Engel begegnet, das sind die Weisen aus dem Morgenland. Sie waren nach Jerusalem gekommen, um den neugeborenen König der Juden zu sehen, den die Sterne prophezeit hatten. Der amtierende König, Herodes der Große, war alles andere als begeistert. Er plante den neugeborenen König zu töten, wusste aber nicht, wo er ihn finden konnte. Er befahl den Weisen daher, zu ihm zurückzukehren, wenn sie das Kind gefunden hätten und ihm den Aufenthaltsort der Familie zu verraten.

Sich den Befehlen eines Königs zu widersetzen, ist keine gute Idee. König Herodes den Großen zu hintergehen, der vier seiner sieben Söhne ermorden ließ, erst recht nicht. Wer sein Leben liebt, gehorcht dem König. – Der Engel sieht das anders. Gott selbst spricht im Traum zu den Weisen: 

Geht nicht wieder zu Herodes!

Matthäus 2,12

Definitiv nicht der leichteste Weg mit der Situation umzugehen. Eher maximal gefährlich. Die Weisen gehen das Risiko ein. Statt aus Liebe zum eigenen Leben das Kind zu verraten, ignorieren sie den Befehl des Königs. Im Vertrauen auf Gott. – Aus Liebe zu dem Kind!

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Die Weihnachtsengel im Matthäusevangelium unterscheiden sich deutlich vom Engelchor auf den Feldern von Bethlehem bei Lukas. Die Engel bei Matthäus singen nicht „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“. Die Engel bei Matthäus stellen sich den Menschen in den Weg. Verhindern, dass sie weitergehen und so den falschen Weg einschlagen.

Die Weihnachtsengel in den Theaterszenen des Reli-Leistungskurses gehören definitiv nicht zum Team Lukas, sondern zum Team Matthäus. Sie kommen, weil Menschen in der Gefahr stehen, den Abzweig zu verpassen und den falschen Weg einzuschlagen. Die Weihnachtsengel kommen, um für eine Kurskorrektur zu sorgen. Sie machen klar, um welche Liebe es beim „Fest der Liebe“ geht. Um welche Liebe es in der Botschaft Jesu geht: Eine Liebe, die von mir selbst absieht und sich auf den anderen / die andere richtet. Eine Liebe, die fragt: Wie kann ich helfen? Und: Was kann ich tun? Eine Liebe, die auch Gefahren und Risiken nicht scheut. Im Vertrauen auf Gott. – Aus Liebe zum Nächsten!

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Ich gebe ehrlich zu, dass ich immer mal wieder den Besuch dieser Weihnachtsengel aus dem Team Matthäus brauche. Weil ich viel zu oft mit dem Autopiloten unterwegs bin. Ich sehe dann nur mich und meinen Weg. Dabei laufe ich Gefahr, den entscheidenden Abzweig zu übersehen und so auf den falschen Weg zu geraten. Da brauche ich einen Engel, der sich mir in den Weg stellt und mir den rechten Weg weist.

Wie ist das bei Euch? – Haltet doch in den Weihnachtstagen mal die Augen und Ohren auf. Achtet auf die kleinen Zeichen und Hinweise. Beachtet eure Träume. Vielleicht begegnet Euch ein Weihnachtsengel aus dem Team Matthäus. Oder besser noch: Vielleicht könnt Ihr selbst für jemanden solch ein Engel sein. Und dazu beitragen, dass Weihnachten in diesem Jahr zu einem „Fest der Liebe“ wird. – Der Nächstenliebe!