Andacht beim Konvent der Schulleitungen der EKiR

Galiläa, 31 nach Christus.

Die elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten auch Zweifel. Jesus kam zu ihnen und sagte: Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.

(Matthäus 28,16–20)

** Szenenwechsel ** 

Theodor-Fliedner-Gymnasium, Religionsunterricht in der Jahrgangsstufe 10.

Wir sprechen über die Zukunft. „Wie stellst du dir dein Leben in 10 Jahren vor? Wie in 25 Jahren? Wie in 60 Jahren?“ – Den Schülerinnen und Schülern fällt das schwer. Nur langsam entstehen Bilder der eigenen Zukunft. „Was von dem, was du in deiner Zukunft siehst, hast du selber in der Hand?“, will ich wissen. „Worauf hast du Einfluss und worauf hast du keinen Einfluss?“ – Schnell wird deutlich, dass der Einfluss abnimmt, je weiter die Dinge in der Zukunft liegen. Auf Liebesglück, gute Gesundheit und langes Leben ist der Einfluss verschwindend gering. Aber auf das Leben in zehn Jahren ist der Einfluss immens groß. Hier geht es um Studium, Beruf und Karriere. Alle sind sich einig, dass sie das fast vollständig selber in der Hand haben. Sie sind ihres eigenen Glückes Schmied. Aus einem Impuls heraus stelle ich eine hypothetische Frage: „Mal angenommen, eure Abitur-Durchschnittsnote hätte absolut keinen Einfluss auf euren Studienplatz, eure Berufsaussichten und Karrierechancen, was würde sich dadurch in eurem Leben heute ändern?“ – Einen Moment ist es still. Dann geht es los: „Ich würde dann die Fächer wählen, die mir wirklich Spaß machen.“ – „Ich würde mich bei Fridays for Future viel stärker engagieren.“ – „Ich würde mehr Zeit mit Freunden verbringen.“ – „Ich hätte mehr Hobbys.“ – Aber auch: „Ich wäre nicht so oft krank.“ – Und: „Ich hätte weniger Angst.“

Eine nachdenkliche Stille breitet sich aus. Ich bin berührt. Ich hatte das schon lange vermutet, aber noch nie in dieser Deutlichkeit gehört. 15-Jährige, die überzeugt sind, mit ihre Abitur-Durchschnittnote den Schlüssel für ihre Zukunft und ihr Lebensglück in den Händen zu halten. Die ihre jugendlichen Interessen, Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume zurückstellen, um die Zehntel der Abiturnote nicht zu gefährden, die für ihre Zukunft vielleicht entscheidend sind. Ich weiß, dass es für gut 40 Prozent der Studiengänge Zulassungsbeschränkungen über die Abitur-Durchschnittsnote gibt und weit mehr Bewerber als Studienplätze. Andererseits wissen die allermeisten der Schülerinnen und Schüler zwei Jahre vor dem Abitur noch überhaupt nicht, was sie einmal machen und studieren wollen. Sie wollen sich alle Optionen offenhalten. Tragischer Weise hindert sie gerade das daran herauszufinden, was zu ihnen passt, weil sie nicht die Fächer wählen, die ihnen wirklich Spaß machen. Weil sie sich nicht für das engagieren, wofür sie brennen. Weil sie nicht mehr Hobbys haben. Weil sie zu oft krank sind. Weil sie Angst haben.

Wie steht es mit uns, liebe Kolleginnen und Kollegen? – Die Jugendlichen orientieren sich an dem, was wir ihnen vorleben. Sie lernen an uns als Modell. Sie spüren und spiegeln unsere Unsicherheit und Angst. Also, Hand aufs Herz: Warum tun wir nicht, wovon wir träumen? Was uns erfüllen würde? Warum tun wir nicht, was unserer tiefsten Überzeugung entspricht? Wozu wir uns berufen fühlen? – Nun ja, weil es nicht geht. Weil es nicht so einfach ist. Weil dem zu viel im Wege steht. Wie oft würden wir gerne etwas tun, wie oft müssten wir eigentlich etwas in Angriff nehmen oder ändern, aber es sind erst noch so viele andere Dinge zu tun. Wie oft warten wir auf den richtigen Zeitpunkt oder die günstige Gelegenheit, die aber irgendwie nie so wirklich kommen. Und, ganz ehrlich, wie oft haben auch wir ganz schlicht Angst.

** Szenenwechsel ** 

Galiläa, 31 nach Christus.

Sie wissen nicht, was genau geschehen ist, die Jünger. Jesus, ihr Herr und Meister, ihr Bruder und Freund, den sie elend hatten am Kreuz sterben sehen, lebt. Mehr noch: Er ist lebendig! Er sitzt zur Rechten Gottes. Er hat die Macht! Sie wissen nicht, was genau geschehen ist am Ostermorgen. Darüber gibt es viele Spekulationen und Theorien. – Aber sie wissen mit Sicherheit, dass es geschehen ist und was es bedeutet: Es gibt keinen Grund mehr sich zu verkriechen oder zu verstecken. Es gibt keinen Grund mehr ihre Hoffnungen und Träume auf Eis zu legen. Es gibt keinen Grund mehr, den eingeschlagenen neuen Weg aufzugeben. Jesus hatte sie aus ihrem Alltag herausgerufen. Sie wollten ein ganz neues Leben beginnen. Er hatte sie spüren und erleben lassen, wer sie waren. Was ihnen wirklich wichtig war in ihrem Leben. Was sie tun mussten, um das Leben zu führen, das sie sich wünschten. Jetzt ist es so weit. Jesus lebt und hat die Macht! Alle Hinderungsgründe sind dahin. Selbst der Tod, die deutlichste und Angst einflößendste Grenze des Lebens ist gefallen. Sie werden in die Welt hinausgehen und sein Evangelium verkünden. Die Jünger werden sich in Gefahr begeben und es wird nicht alles gut ausgehen. Sie werden Rückschläge erleiden und Umwege gehen müssen. Sie werden in Lebensgefahr geraten. Aber es wird ihr Weg sein, den sie gehen, und ER, der lebendige Christus, wird dabei an ihrer Seite sein.

** Szenenwechsel **

Konvent der Schulleitungen, 15. April 2021.

Mal angenommen, die Abitur-Durchschnittsnoten hätten keine Macht über die Zukunftsvorstellungen der Schülerinnen und Schülern und ihrer Eltern. Mal angenommen, die passende Gelegenheit für einen ersten Schritt zur Verwirklichung unserer Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte wäre exakt jetzt. Mal angenommen, alle unsere Unsicherheit und Angst im Blick auf die Zukunft wäre weg. Was würde sich dadurch in unserem Leben ändern?

Wir kommen von Ostern her. Das heißt: „Jesus ist Sieger! Der entscheidende Kampf ist bereits ausgetragen, auch wenn es sich noch nicht überall herumgesprochen hat. Christus ist auferstanden. Er sitzt zur Rechten Gottes. Gewiss wird seine letzte Wiederkunft noch erwartet, aber schon für die Gegenwart kommt es vor allem darauf an, nicht zu vergessen, dass er bereits aus dem Tod wiedergekommen ist.“[1]

Darum, gehet hin und ermutigt die Schülerinnen und Schüler dazu die Fächer zu wählen, die ihnen Spaß machen. Gehet hin und engagiert euch, wofür eure Herzen schlagen. Gehet hin und tut, wovon ihr träumt, was euch erfüllt. Tut, wozu der Geist Gottes euch treibt! – Habt keine Angst!

 


 

[1]Michael Weinrich: Jesus ist Sieger! Die Versöhnung als Mitte des Evangeliums. In: Gott trifft Mensch. Karl Barth Magazin 2019, hg.v. Reformierten Bund, Hannover 2018, 73.